Worüber Katasterkarten berichten können: Modell zur Präsentation von Katasterplänen des 17.-19. Jahrhunderts

Kalev Koppel

Die in großem Maßstab gezeichneten Katasterpläne des 17.-19. Jahrhunderts und die Kartenbeschreibungsbücher haben sich als gute Quellen der estnischen Wirtschafts- und Besiedlungsgeschichte erwiesen. Es ist aber schwierig, die Katasterkarten als Grundlage für die historische Forschung zu benutzen, weil es bei der Bearbeitung der Unterlagen methodologische Probleme gibt sowie die Quellen ungleichmäßig erhalten sind und sich zerstreut in den Archiven verschiedener Länder befinden.
In der historischen Forschung ist es oft notwendig, die Veränderung verschiedener Erscheinungen im Laufe einer bestimmten Zeitspanne zu untersuchen. Beim Vergleich der Gebietskarten aus verschiedenen Zeiten muß der Forscher sehr genau die Veränderungen in der Präsentation der kartographischen Dokumente feststellen, um die Lesbarkeit der Karten zu vergrößern und Fehler zu vermeiden, die sich aus der unterschiedlichen Bestimmung der Objekte ergeben (zum Beispiel ob der Kartograph des 17. Jahrhunderts unter «Feld» das gleiche versteht wie der Kartograph des 19. Jahrhunderts). Um die Antwort auf solche Fragen zu finden, muß man die Kartographiegeschichte und die Institutionen (den Kontext der Erstellung des Dokuments) kennen sowie sehr viel Material visuell und inhaltlich analysieren.
Im Zusammenhang mit der Güterreduktion wurden in den 1680er Jahren auf dem estnischen Territorium im Rahmen des sogenannten Großen Schwedischen Katasters umfangreiche Vermessungs- und Katasterarbeiten ausgeführt. Originales Kartenmaterial aus dem 18. Jahrhundert gibt es dagegen nur wenig. Die Vermessung der Güter und Anfertigung von Karten in großem Maßstab setzte dann wieder mit den Agrarreformen zu Anfang des 19. Jh. ein.
Alle Katasterkarten des 17.-19. Jahrhunderts sind sowohl inhaltlich als auch gestalterisch sehr ähnlich, weil sie von der im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts in Schweden angefangenen Tradition ausgehen. Im Laufe der Zeit wurden die Materialien jedoch informativer und lakonischer.
Weil die Quellenmaterialien ungleichmäßig erhalten sind, ist häufig eine Kombination unterschiedlicher Quellenarten nötig. Auf diese Art und Weise kann der Forscher die Angaben vervollständigen, vielseitiger benutzen und auch ihre Zuverlässigkeit überprüfen. Die Katastermaterialien können z.B. durch die aus der gleichen Zeit stammenden Wackenbücher und Unterlagen der Wackenrevisionen ergänzt werden. Wenn wir die Informationen über die Vermessungen und die ergänzenden Quellen in zwei Struktureinheiten einteilen - geographische Angaben (Karte) und Attributangaben (Kartentexte, Beschreibungs- oder Wackenbücher usw.) - so bilden sich drei wesentliche Gruppen der Verbindungen zwischen den Quellen heraus: erstens Verbindungen zwischen den Quellen der Attributangaben untereinander, zweitens Verbindungen zwischen den Quellen der Attributangaben und den Kartenobjekten und drittens Verbindungen zwischen den Kartenobjekten und dem realen geographischen Raum. Die Wahl zwischen den genannten Verbindungen bei der Lösung eines konkreten Forschungsproblems hängt von den Besonderheiten des Problems ab.
Die Voraussetzung für eine effektive Benutzung der Katastermaterialien besteht zusammenfassend darin, daß man den Kontext der Dokumente richtig erstellt, sich gut in inhaltlichen Besonderheiten auskennt und auch die Möglichkeiten anderer Quellenarten ausnutzt.


Die Umwandlung der bäuerlichen Dienste in Geldabgaben auf den Domänengütern in Südestland

Kersti Lust

Die Umwandlung der bäuerlichen Dienste und Naturalabgaben in Geldleistungen bildete eine Etappe der estnischen Bauernbefreiung. In den Untersuchungen über die Bauerngesetze des 19. Jh. werden hierzu einige Fragen aufgeworfen, wie z.B. wer der Initiator der Agrarumgestaltungen war, oder wie die Bereitschaft und die Fähigkeit der Gutsbesitzer und der Bauern, diese Umwandlungen mitzumachen, beschaffen waren. In diesem Artikel wird versucht, diese Fragen für die dem Bauernlandverkauf vorangegangenen Jahrzehnte zu beantworten, als die Bauern anstatt mit der gewohnten Fronarbeitsleistung mit der Beschaffung des Pachtgeldes zurechtkommen mußten.
Die Umwandlung der Frondienste in Geldzahlungen vollzog sich auf den Kronsgütern wesentlich anders als auf den Rittergütern. Auf den Kronsgütern wurden sowohl der zeitliche Ablauf dieses Prozesses durch Vorschriften geregelt als auch die Höhe des Pachtzinses normiert. Dagegen führte das auf den Rittergütern geltende Prinzip des freien Vertrags dazu, daß die Entscheidung, ob die Frondienste in Geldzahlungen umgewandelt wurden oder nicht und wenn ja, dann unter welchen Bedingungen, ausschließlich dem Gutsherrn überlassen blieb. Während der Übergangsprozeß auf den Kronsgütern Südestlands in der Mitte der 1860er Jahre bereits mehr oder weniger abgeschlossen war, betrug der Anteil der Bauernhöfe, die zur Geldpacht übergegangen waren, auf den Rittergütern kurz vor der gesetzlichen Festlegung der Umwandlungsperiode im Jahre 1865 nur im Landkreis Fellin (Viljandi) 50%, in den anderen Landkreisen war er noch geringer. Im vorliegenden Artikel wird die zahlenmäßige Seite des Umwandlungsprozesses der Pachtformen behandelt. Ebenso werden die Faktoren analysiert, von denen der Verlauf dieses Prozesses abhängig war. Schließlich wird versucht die Frage zu beantworten, inwieweit die Gutsbesitzer und die Gesindepächter an den legislativen Änderungen interessiert waren.
Bis Anfang der 1840er Jahre beruhte die Geldpacht ausschließlich auf einer Vereinbarung zwischen Gutsbesitzer und Bauer, wobei der Pachtzins nach dem Patent des baltischen Generalgouverneurs Marquis Paulucci vom 11. Mai 1826 drei Silberrubel für einen Taler nicht überschreiten durfte.
Das 1841 erlassene Gesetz über eine neue Ordnung für die Verwaltung von Kronsvermögen in den baltischen Gouvernements machte es möglich, Geldleistungen einzuführen, wenn die Bauern zustimmten, und auf diese Weise die Staatseinnahmen anstiegen. Die Instruktion vom 31. Oktober 1846 sah vor, daß auf allen vakant werdenden Kronsgütern, unabhängig vom Resultat der Regulation und Taxation, die Bauern befragt werden mußten, ob sie den Übergang zur Geldpacht wollen. Aufgrund einer entsprechenden Erklärung konnten sie dann entweder geschlossen als Gemeinde oder einzeln zur Geldpacht übergehen. Auf den Kronsgütern, auf denen Regulation und Taxation abgeschlossen waren, mußte der sich hieraus ergebende Pachtzins bezahlt werden. Dort, wo es noch nicht so weit war, wurde der Pachtzins aufgrund der temporären Wackenbücher festgelegt.
In Südestland gab es 1847 auf 14,4% des Hakenlandes Geldleistungen, während es im lettischen Teil des Gouvernements Livland 13,4% waren. Sowohl in Kurland als auch in Livland wurde der Prozeß des Übergangs zur Geldpacht auf den Kronsgütern besonders in der ersten Hälfte der 1850er Jahre beschleunigt. In der Periode 1851-1855 wurden die Dienste und Naturalabgaben in mehr als etwa 45% aller Bauernhöfe durch Geldleistungen ersetzt. Der Anteil der Geldpacht zahlenden domanialen Bauernhöfe erreichte im Jahre 1855 70%. Im Gouvernement Livland gab es im Sommer 1861 nur noch auf 12 Kronsgütern Fronpacht zahlende Bauern.
Die Reihenfolge, in der die Kronsgüter nach Inkrafttreten der Instruktion vom 31. Oktober 1846 zur Geldpacht übergegangen sind, spiegelte im allgemeinen keinen wirtschaftlichen Vorsprung einer Gegend vor einer anderen wider. Der zeitliche Ablauf dieses Prozesses hing hauptsächlich von den im Pachtvertrag festgelegten Bedingungen und Terminen sowie von der Schnelligkeit der durchgeführten Regulation und Taxation ab. Auf Ösel hatte dieser Prozeß ein ähnliches Tempo wie in Kurland, obwohl das wirtschaftliche Potential der Bauernhöfe in beiden Provinzen sehr unterschiedlich war. Dennoch wäre es falsch, den wirtschaftlichen Faktor zu unterschätzen. Auf einigen Gütern gelang es den Bauern, den Pächter zur Einführung der Geldpacht zu veranlassen, weil sie imstande waren, ihm einen ziemlich hohen Pachtzins zu zahlen. Dagegen haben die Bauern, wenn in ärmeren Gegenden Kronsgüter frei wurden, diese Möglichkeit der Umwandlung der Frondienste in Geldleistungen oft nicht genutzt. Daher kann die Vorsicht der Bauern bei Umwandlung der Frondienste in Geldleistungen nicht durch einen angeborenen «Konservativismus» oder «Mißtrauen» dem Neuen gegenüber erklärt werden, auch nicht durch ihr Bestreben, sich eine gewisse Sicherheit und «Bequemlichkeit» zu bewahren, die ihnen die im Rahmen des Frondienstsystems herrschende Vormundschaft gewährte. Ihr Verhalten hatte wirtschaftliche Ursachen: Die Bauern waren mit der Umwandlung der Agrarverhältnisse in dem Maße einverstanden in dem ihnen dies ihre ökonomische Lage ermöglichte.


Die estnische Wirtschaft in den Jahren des Freiheitskriegs

Jaak Valge

Im vorliegenden Artikel, der ein Teil einer bald erscheinenden Monographie ist, werden die estnische Wirtschaft in den Jahren des Freiheitskriegs und der Anfang einer selbständigen Wirtschaftspolitik behandelt.
Estlands Verluste im Ersten Weltkrieg waren groß und nur um etwas geringer als in Lettland. Besonders schwer war die Lage der Großindustrie, deren Produktion im Jahre 1918 nur 10-15% des Vorkriegsniveaus erreichte. Es herrschte Mangel an Lebensmitteln, und die Armee wurde von einer Hungersnot bedroht.
Das Ziel der Wirtschaftspolitik während des Freiheitskriegs war, es mit Hilfe von Maßnahmen ad hoc irgendwie zu ermöglichen, den Krieg führen zu können und zugleich Unzufriedenheiten im Hinterland zu vermeiden. Die Staatsmacht besaß kaum Wahlmöglichkeiten. Wesentliche Entscheidungen wurden improvisiert. Die Staatsmacht war unsicher und verhältnismäßig schwach. Deshalb war es schwierig, Beschlüsse zustande zu bringen.
Um die Verpflegungslage zu verbessern, kaufte man aus den Versorgungslagern der USA Lebensmittel auf Kredit. Dadurch konnte im Sommer 1919 ein großer Teil der innenpolitischen Spannungen gemildert werden. Kriegsausrüstung und Waren bekam man auch von anderswo auf Kredit.
Dem Staat fehlte es an Geld für die Armee, den Staatsapparat und die Industriebetriebe. Für eine eigene Währung wurden Auslandsanleihen benötigt, die zu erhalten aber nicht gelang. Zuerst versuchte man es mit Inlandsanleihen; der Verkauf von Schuldverschreibungen hatte aber nicht den erhofften Erfolg. Als Grundlage für die Berechnung ihres Wertes diente die Deutsche Ostmark. Im Jahre 1919 beschloß die Regierung auf Vorschlag von Finanzminister Juhan Kukk, kurzfristige Schuldverschreibungen als Geld in Umlauf zu bringen. Die vorläufig als Geld in Umlauf gesetzten Schuldpapiere wurden sowohl von der Regierung als auch vom Volke als Notgeld betrachtet.
Schon Ende 1918 hatte die Regierung beschlossen, auch Schatzbriefe zu emitieren. Die Provisorische Regierung sollte jedesmal das Emissionsvolumen festlegen. Da dem Staat die notwendige Goldreserve als Sicherheit für die Papiergeldausgabe fehlte, erklärte die Provisorische Regierung, daß der estnische Staat mit seinem ganzen Vermögen und seinen Einkünften für die Schatzbriefe haftet. Aus zwei Gründen entschied man sich dafür, sie in «Mark» zu denominieren: (1) weil die Markwährung schon existierte und (2) weil den Schuldverschreibungen der Estnischen Republik die Markwährung zugrunde lag. Am 9. April 1919 kamen die ersten drei Millionen Estnische Mark als Drei-Mark-Scheine in Umlauf. Danach machte die Emission von Schuldpapieren und Schatzbriefen, die als Geldscheine gültig waren, schnelle Fortschritte. Mit Erlaß vom 2. Mai 1919 bestimmte die Provisorische Regierung die Estnische Mark zum einzigen gesetzlichen Zahlungsmittel. Ausnahmsweise sollte bei Steuerzahlungen auch deutsches oder russisches Wechselgeld angenommen werden. Gleichzeitig wurde der Zwangskurs der finnischen, deutschen und russischen Zahlungsmittel aufgehoben. Damit war die erste Etappe der Gründung eines eigenen Finanzsystems erreicht. Die Bürger der Estnischen Republik benutzten in den ersten Jahren die Estnische Mark nur als Zahlungsmittel; zum sparen bevorzugten sie den Zarenrubel, seltener die Deutsche Mark
Die Emission neuer Geldscheine beschleunigte sich sehr schnell. Zum 1. Februar 1920 waren schon 622 Millionen Estnische Mark im Umlauf. Da es zur Deckung der Mark weder Gold noch Devisen gab, sank der Kurs schnell.
Berücksichtigt man die Kriegsausgaben, dann zeigt sich, daß die Estnische Republik imstande gewesen wäre, den Kurs ihrer Währung stabil zu halten, wenn es keinen Freiheitskrieg gegeben hätte - selbst dann, wenn Lebensmittel in demselben Umfang auf Kredit gekauft worden wären. Zusammenfassend kann die Wirtschaftspolitik während des Freiheitskriegs also als erfolgreich angesehen werden.


Die Ostpolitik Deutschlands und die Republik Estland in den Jahren 1918-1926

Luule Rand

Das wichtigste Merkmal der bilateralen Beziehungen zwischen Estland und Deutschland während der erwähnten Periode bestand in der Regelung der Handelsbeziehungen. So wurden 1923 ein provisorisches Wirtschaftsabkommen und 1928 ein Handelsvertrag abgeschlossen. Das entsprach den allgemeinen handelspolitischen Interessen Deutschlands in Osteuropa. Charakteristisch für die estnisch-deutschen Beziehungen war, daß während der Gespräche über die Wirtschaftsbeziehungen häufig politische Fragen erörtert wurden, die mit ihnen nichts zu tun hatten.
Der Grund dafür kann die Verschlechterung der internationalen Position Deutschlands gewesen sein: Um politische Konzessionen zu erzielen, versuchte Deutschland als einziges dafür zur Verfügung stehendes Mittel Wirtschaftsfragen einzusetzen. Wenn man die Verbindung zwischen den anstehenden politischen und wirtschaftlichen Fragen ausführlicher betrachtet, entstehen Zweifel, ob die estnisch-deutschen Handelsbeziehungen Estland in seinen außenpolitischen Entscheidungen beeinflussen konnten. Viel mehr wurden diese Entscheidungen durch die Veränderung der internationalen Position Deutschlands beeinflußt. Während es in der ersten Hälfte des Jahres 1920 Estland dank seiner Bedeutung als Handelspartner gelang, seine Position in den bilateralen Verhandlungen durchzusetzen, verminderte sich der Spielraum Estlands mit der Zunahme des wirtschaftlichen und außenpolitischen Einflusses von Deutschland. So konnte Estland in den Verhandlungen über den Handelsvertrag die Frage einer Entschädigung deutscher Staatsangehöriger für die ihnen enteigneten Rittergüter nicht mehr vermeiden, obwohl dies bei den Verhandlungen über das provisorische Wirtschaftsabkommen noch gelungen war.


Das 3. Estnische Regiment

Ago Pajur

Die Klärung der Gründungs- und Entwicklungsgeschichte des 3. Estnischen Regiments ist nur ein Bindeglied bei der Untersuchung der Geschichte der estnischen Streitkräfte, aber sie ist deswegen sehr notwendig, weil man dem genannten Regiment bis heute unverdient wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat.
Die nähere Kenntnis der Entwicklungsgeschichte des Regiments erlaubt uns einige Korrekturen an bisherigen Erkenntnissen und Anschauungen. Beginnen wir mit dem Geburtsdatum und der Benennung des Regiments. Wenn in der früheren Literatur behauptet wird, daß die Bildung des Tallinner Estnischen Separatregiments am 6. Oktober 1917 begann, so wäre es heute richtiger, von dem Tallinner Estnischen Einzelregiment zu sprechen, mit dessen Aufstellung am 26. September 1917 angefangen wurde.
Das Regiment wurde in Infanterieregimentsstärke gebildet, d.h. es bestand aus 3 Bataillonen (je 4 Kompanien), einer Nachschubkompanie und einigen Kommandos, Werkstätten und anderen Dienststellen. Nach unvollständigen Angaben dienten in dem Regiment im Laufe der Zeit mindestens 6100 Soldaten und Unteroffiziere sowie 230 Offiziere. Da dies das vorgesehene Kontingent eines Infanterieregiments überschritt, wurden vorläufig noch drei zusätzliche Marschkompanien aufgestellt, und einige Truppeneinheiten wurden aus Tallinn verlegt. Später haben einige von ihnen eine wesentliche Rolle bei der Gründung neuer nationaler Streitkräfte gespielt.
Während neue Männer zu dem Regiment kamen, verließen es gleichzeitig andere wieder. Die Quellen belegen, daß über 1290 Militärs unterer Ränge und 90 Offiziere das Regiment verlassen haben. Die Hauptgründe hierfür waren Versetzung zu anderen Truppenteilen und Befreiung vom Militärdienst. Auch sind Soldaten und Unteroffiziere desertiert.
Die große Zahl von Deserteuren (wenigstens 520 Männer) zeigt, daß die Disziplin im Regiment schwach war. Das beweisen auch die Versammlungen des Regimentsausschusses, in denen oft Diebstahlsfälle geklärt werden mußten. Doch wurde die Frage der Disziplin nicht zum wesentlichsten Hindernis bei der Aufstellung einer vollwertigen Truppeneinheit.
Eine weitaus verhängnisvollere Rolle spielte die Propaganda der Bolschewiken, welche die Soldaten der Kontrolle der Bolschewiken zu unterwerfen versuchte. In der früheren Literatur haben sowohl Wissenschaftler der Zwischenkriegszeit als auch sowjetische Historiker behauptet, das Regiment wäre in hohem Maße unter den Einfluß der Bolschewiken geraten. Bei der Überprüfung dieser Behauptung stellt sich jedoch heraus, daß diese Einschätzungen etwas übertrieben sind. Wahrscheinlich war die Position der Bolschewiken im 3. Estnischen Regiment im Vergleich zu anderen Nationaltruppen (besonders im Vergleich zum 1. Estnischen Regiment) wirklich einflußreicher, andererseits aber entsprechen Beweise für eine dominierende bolschewistische Stimmung, die in der sowjetischen Literatur vorgelegt werden, nicht der Wahrheit. Natürlich waren die Regimentsführer gezwungen, die Forderungen der Bolschewiken zu berücksichtigen. Zum Beispiel wurde die Leitung des Regimentkomitees wiederholt reorganisiert, dort dominierten - wenigstens für einige Zeit - eindeutig Linksradikale, d.h. Bolschewiken und Revolutionäre. Ebenfalls stimmte man der Einführung der Institution des Regimentskommissars und den Wahlen der Vorgesetzten der Truppeneinheiten zu. Es muß aber betont werden, daß in vielen Fällen bisherige Offiziere gewählt wurden.
Die Frage nach dem Schicksal des 3. Estnischen Regiments in den letzten Tagen der bolschewistischen Regierung bleibt offen. In der früheren Literatur wird gewöhnlich nur erwähnt, daß die Bolschewiken das Oberkomitee des Estnischen Militärs und den Stab der Estnischen Division übernommen haben. Es gibt jedoch Dokumente, die belegen, daß auch dem Estnischen Reservebataillon und dem 4. Estnischen Regiment Befehle zu ihrer Auflösung erteilt worden sind. Aufgrund indirekter Angaben scheint es sehr glaubwürdig, daß das 3. Estnische Regiment am 21. oder 22. Februar 1918 eine ähnliche Anordnung bekommen hat und dieser Befehl wenigstens formell auch erfüllt wurde. Das Regiment war am 24. Februar aber bei weitem noch nicht aufgelöst, und die dem Regiment angehörigen Militärs beteiligten sich aktiv an der Übernahme der bolschewistischen Zentren, der Wiederherstellung der Ordnung und der Sicherung der Provisorischen Regierung. Zwar gibt es hauptsächlich Angaben über Aktivitäten von Offizieren, aber vermutlich haben auch national gesinnte Soldaten mitgemacht.
Die Neuformierung des 3. Estnischen Regiments begann am 25. Februar 1918 aufgrund eines Beschlusses des Rettungskomitees, und sie ist ziemlich schnell verwirklicht worden. Im Regiment wurden die ehemaligen Truppeneinheiten wiederhergestellt - 3 Bataillone (je 4 Kompanien), Nachschubkompanie und eine Reihe von verschiedenen Kommandos. Dessen ungeachtet erhielt das Regiment jedoch seine frühere Personalstärke wahrscheinlich nicht mehr. Bekanntlich wurden während der Okkupationsperiode etwa 2400-2500 Militärs, das sind 2/3 der vorgesehenen Stärke, zum Militärdienst eingezogen.
Der Sturz der Bolschewiken beeinflußte die Tätigkeit des Regiments positiv. In der Armee beschäftigte man sich jetzt nicht mehr mit Politik. Statt dessen kamen der alltägliche Unterricht und der Wachtdienst zu ihrem Recht, und die Regimentsführung versuchte, sich nach Kräften um die Freizeitbeschäftigung der Männer zu kümmern. Die ehemaligen Disziplinanforderungen wurden wiederhergestellt. Es wurde möglich, eine estnische Uniform zu tragen und in der Armee nur die estnische Sprache zu benutzen. Die Lage des Regiments verbesserte sich auch durch die Konzentrierung in der Batteriekaserne.
Es gab auch eine negative Seite. Die Ausrüstung mit Waffen war ein ernstes materielles Problem. Hinzu kamen noch Spannungen zwischen den estnischen Nationalisten und der deutschen Besatzungsmacht, welche die Moral des Regiments beeinflußten. Charakteristisch waren Desertion und weit verbreitetes Nichtgrüßen der deutschen Militärs. Das 3. Estnische Regiment wurde gleichzeitig mit den anderen in Nordestland stationierten Nationaltruppen durch Befehl des Generals Adolf von Seckendorf vom 28. März 1918 aufgelöst.


Die Rolle des Baltikums in der militärischen Planung der Sowjetunion in den Jahren 1920-1930.
Von der Idee der Weltrevolution bis zu konkreten Kriegsplänen.

Tõnu Tannberg

Das wesentlichste Resultat der Oktoberrevolution im Jahre 1917 und des darauffolgenden Bürgerkriegs war die vollständige Veränderung der geopolitischen Lage Rußlands, wie sie sich während der Jahrhunderte herausgebildet hatte. Die Selbständigkeit der Grenzgebiete des ehemaligen russischen Imperiums, der finnischen und baltischen Gouvernements, gefiel der Führung des sowjetischen Rußlands überhaupt nicht. Nach Meinung der bolschewistischen Führung verletzte die Entstehung der Randstaaten das strategische Gleichgewicht im nordwestlichen Teil Rußlands. Dadurch wurde das wichtigste Industriezentrum des Landes und die «Wiege der Revolution», Petrograd, neuen Gefahren ausgesetzt, und frühere Handelsbeziehungen mit Westeuropa wurden beeinträchtigt. So war von Anfang an das Hauptziel der Sowjetmacht im Ostseeraum die Wiederherstellung des status quo ante, also des Zustands, der vor dem Ersten Weltkrieg geherrscht hatte. Mit anderen Worten: man plante die Selbständigkeit der auf den Trümmern des Imperiums entstandenen kleinen Randstaaten zu vernichten. Das stand im Einklang mit den bolschewistischen Träumen von der Verwirklichung der Weltrevolution.
Die Idee der Leninschen Weltrevolution sah vor, mit allen Mitteln die proletarische Revolution in anderen Staaten herbeizuführen. In den 1920er Jahren wurde zum Mittelpunkt der Verwirklichung der Weltrevolution die 1919 gegründete Komintern. Es handelte sich um eine Art internationaler kommunistischer Partei, die auf der Grundlage der eisernen proletarischen Disziplin durch ihre Sektionen den gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie gewährleisten sollte. Über die Komintern finanzierte Moskau die kommunistischen Parteien anderer Länder mit dem Ziel, die weltweite Revolution zu entfesseln. Das Geld besorgte man sich durch den Verkauf der Wertsachen der Zarenzeit und durch die Plünderung der Kirchen. Das «Gold der Komintern» wurde vor allem durch das «Baltische Fenster» ins Ausland geschafft. Im Laufe einiger Jahre wurden Wertgegenstände und Gold im Wert von 451 Mio. Goldrubeln (1 202 660 000 Goldfrancs) aus Rußland über Tallinn hinausgebracht. Durch andere «Fenster» (Iran, Türkei) gingen nur 74 Mio. Goldrubel.
Als 1920 J. Stalin in der Sowjetunion an die Macht kam, begann er die Strategie der Weltrevolution zu verbessern. Der leninsche Weg zur Verwirklichung der Weltrevolution, nämlich der Export der Revolution mittels Waffen, trat in den Hintergrund, und anstatt dessen wurde der Aufbau des Sozialismus in einem Land zur allerwichtigsten Aufgabe erklärt.
Stalins Standpunkt war, daß in erster Linie die Sowjetunion als Kern der Weltrevolution gestärkt werden sollte. Erst dann, wenn eine ausreichende militärische Kraft erreicht sei und eine günstige internationale Lage ausgenutzt werden könne, werde es möglich, dieses heilige Vorhaben der Weltrevolution zu vollenden. Bei der Durchführung der Weltrevolution rechnete Stalin nicht mehr mit dem Beitrag des Proletariats und der Kommunistischen Parteien anderer Länder, sondern verließ sich nur auf die Macht der Roten Armee. Stalin nutzte den Massenterror von 1930 aus, um seine militärisch-politische Ziele zu verwirklichen. Er wollte die Gesellschaft in einer Atmosphäre des Schreckens halten und hinter dieser Verschleierung seine Armee auf den Krieg mit der ganzen kapitalistischen Welt vorbereiten.
Auf Regierungsebene wurde ein neues militärisches Ziel festgelegt: die Rote Armee dürfe nicht kleiner sein als die Armee der potentiellen Feinde auf dem Schlachtfeld. Um dies zu erreichen, begann man in einem Riesentempo aufzurüsten. Im Staatshaushalt der Sowjetunion stiegen die Militärausgaben ganz wesentlich an: nach offiziellen Angaben betrugen sie im Jahre 1935 8,2 Milliarden Rubel (12,3% des Haushaltes) und erhöhten sich im Jahre 1940 auf 56,7 Milliarden Rubel (32,6%). Es gab Veränderungen in der Struktur der Organisation der Roten Armee. Die Panzertruppen, Luftstreitkräfte, Luftlandetruppen und Luftverteidigungstruppen wurden selbständige Truppengattungen. Also der Anteil der technischen Truppen begann schnell zu wachsen, besonders was Panzer-, Kraftfahrzeug- und Luftstreitkräfte anging. 1938 ging man völlig zu einer Berufsarmee über. Die Stellung der neuen militärischen Elite (Offiziere) in der Gesellschaft wurde verbessert. Mit dem Abbau der Nationalstreitkräfte (1938) und den Repressalien gegen die Minderheiten wurde die Rote Armee immer slawischer. 1939 betrug die Zahl der Slawen in der Sowjetunion 80%, in der Armee war ihr Anteil dagegen 90%. In der Militärausbildung der Roten Armee wurde die Taktik des Angriffskriegs unterrichtet.
Am 1. September 1939 wurde das Gesetz über die allgemeine Militärpflicht verabschiedet, mit dem das Alter der Einberufung zum Militärdienst von 21 auf 19 (in Sonderfällen sogar auf 18) Jahre herabgesetzt wurde. So verfügten die Militäreinheiten über große personelle Reserven, weil gleichzeitig 18-21jährige einberufen werden konnten. Die Zahl der Soldaten der Roten Armee wuchs schnell. Im Jahre 1930 gab es in der Roten Armee (Land- und Luftstreitkräfte sowie Kriegsmarine) insgesamt 631 616, im Jahre 1934 1 033 570 und im Jahre 1937 schon 1 645 983 Mann. In den 1930er Jahren vergrößerte sich die Personalstärke der Roten Armee 3,5fach, 1939 waren es 2 118 777 Mann. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs begannen die allmähliche Mobilisierung der Roten Armee und die Organisation der Gefechtstätigkeit. Das Endziel dieser Tätigkeit war, Deutschland als Hauptfeind der Sowjetunion zu zerschlagen. Als Zwischenetappe aber wurde die Erweiterung der «sozialistischen Front» Richtung Ostpolen, Finnland, Baltikum und Rumänien betrachtet. Nach dem Stand vom 1. Juni 1940 umfaßte der vorgesehene Friedensumfang der Roten Armee 3 410 000 Mann, tatsächlich wurden 4 055 479 Mann eingezogen. Zu dieser Zeit war die Rote Armee zum wesentlichsten Instrument der Verwirklichung der Eroberungspläne des Kreml geworden.
In der Periode zwischen den Kriegen war für die militärische und politische Führung der Sowjetunion der westliche Kriegsschauplatz am wichtigsten - das Territorium von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Es wurde damit gerechnet, daß der damalige Hauptfeind der Sowjetunion, Polen mit seinen Verbündeten Rumänien, Estland und Lettland, mit aktiver Unterstützung durch zwei Großmächte, England und Frankreich, der Sowjetunion den Krieg erklären könnte. Moskau sollte dem mutmaßlichen Überfall mit einem mächtigen Gegenangriff antworten, der seinerseits massenhafte Aufstände des Proletariats in den eroberten Staaten auslösen würde. Diese Ansicht herrschte bis Mitte der 1930er Jahre vor und fand auch in den damaligen Kriegsplänen ihren Niederschlag. Danach wurde Deutschland zum Hauptfeind der Sowjetunion.
Nach dem Kriegsplan der Roten Armee von 1938 waren die Hauptfeinde der Sowjetunion Deutschland, Italien und ihr Verbündeter Japan. Auf der Liste der Feinde standen noch Polen, Rumänien, Bulgarien, die Türkei, Finnland und die drei baltischen Staaten. Es wurde vorausgesetzt, daß der Iran und Afganistan bei einem möglichen militärischen Konflikt neutral bleiben würden. Also mußte die Rote Armee bereit sein, einen Zweifrontenkrieg zu führen: im Westen mit Deutschland, Italien, Polen und ihren Verbündeten Rumänien, Finnland, Estland, Lettland und Litauen, und im Osten mit Japan. Es wurde für wahrscheinlich gehalten, daß im Fall des Kriegsausbruchs Deutschland und Polen Litauen besetzen würden. Es wurde auch vermutet, daß Deutschland die finnischen und baltischen Truppen für seine Interessen benutzen kann, um konzentriert Leningrad anzugreifen und Stadt und Oblast vom übrigen Territorium der Sowjetmacht zu trennen.
Während die baltischen Staaten in der gesamten Zwischenkriegszeit zu den Feindstaaten Moskaus gehörten, variierte die Einstellung gegenüber Finnland. Auch Finnland gehörte bis 1923 eindeutig zu den Hauptfeinden Moskaus, in Erwartung der Weltrevolution hoffte die bolschewistische Führung «die finnische Frage» militärisch zu lösen. Nach dem Aufstand in Karelien (1921-1922), der für die sowjetische Führung unerwartet ausgebrochen war und der von der Roten Armee blutig unterdrückt wurde, änderte Moskau seinen außenpolitischen Kurs: man hielt Finnland für einen neutralen Staat, und bis 1930 sah man in den Kriegsplänen vor, die Grenze zwischen Finnland und der Sowjetunion zu schützen, während gegen Polen, Estland und Lettland auch Kriegsoperationen vorgenommen werden konnten. Anfang der 1930er Jahre wurde Finnland wieder in die Liste der der Sowjetunion feindlichen Staaten eingetragen, der Grund hierfür bestand in der innenpolitischen Entwicklung Finnlands (Lapuas Bewegung). In den in den 1930er Jahren im Leningrader Militärbezirk und den Stäben der Baltischen Flotte verfaßten Kriegsplänen war der Überfall sowohl auf Finnland und als auch auf die drei baltischen Länder vorgesehen.
Der geplante militärische Einsatz gegen Finnland und die baltischen Staaten wurde im Sommer 1939 noch umfangreicher. Im August 1939 wurden Vorbereitungen getroffen, Truppen an den Grenzen zu Finnland und den baltischen Staaten zu konzentrieren. Dieser Prozeß beschleunigte sich besonders im September. Die estnischen Seeverbindungswege mit der Außenwelt und der Luftraum befanden sich unter sowjetischer Kontrolle. Am 25. September begannen sowjetische Flugzeuge mit zahlreichen Aufklärungsflügen über Estland und Lettland; sie machten Aufnahmen von Flughäfen, Schutzanlagen, Batterien, Bahnhöfen und anderen Objekten. Ende September 1939 wurden gegen Estland und Lettland insgesamt 20 Schützendivisionen, 4 Kavalleriedivisionen, 10 Panzerbrigaden und 2 Schützen-Maschinengewehrbrigaden zusammengezogen. Diese riesige Truppengruppierung bestand aus 437 235 Mann, 3635 Kanonen, 3052 Panzern, 421 Panzerwagen und 21 919 Kraftfahrzeugen. Die Baltische Flotte sollte die Landstreitkräfte unterstützen. Die geplanten militärischen Operationen wurden jedoch nicht realisiert, weil sich Estland zusammen mit den anderen baltischen Staaten dem Druck aus Moskau gebeugt und den Vertrag über die Stützpunkte unterzeichnet hat.
Nach Unterzeichnung der Verträge über die Stützpunkte mit den baltischen Staaten wurde Finnland zum wichtigsten Objekt der sowjetischen militärischen Planung. Die Truppenkonzentration an der finnischen Grenze wurde auch im Oktober fortgesetzt. Moskau wollte durch die Konzentration der Roten Armee an den Grenzen Druck auf die Verhandlungen ausüben. Ende Oktober 1939 wurde im Leningrader Militärbezirk der Operationsplan zur Vernichtung der finnischen Land- und Seestreitkräfte ausgearbeitet. Die Rote Armee sollte demnach aus fünf Richtungen auf das finnische Territorium eindringen und in Zusammenarbeit mit den Luftstreitkräften den Feind binnen 10-15 Tagen vernichten. Später wurde dieser Plan konkretisiert. Mitte November 1939 wurde die Konzentration der Truppen beendet und der Leningrader Militärbezirk mußte zum entscheidenden Angriff bereit sein, um den Feind in kurzer Zeit zu zerschlagen. Der Befehl, am nächsten Tag früh am Morgen mit den Kriegsoperationen anzufangen, wurde den Truppen am 29. November 1939 erteilt. Zu dieser Zeit war auch die Baltische Flotte kampfbereit. Am 30. November 1939 überfielen die sowjetischen Truppen Finnland. Der militärische Widerstand Finnlands während des Winterkriegs hat die Eroberung des Landes aber unmöglich gemacht.


Über den Briefwechsel zwischen Armin Tuulse und Voldemar Vaga

Mari Nõmmela

Der Briefwechsel zwischen zwei Kunsthistorikern und Doktoren der Kunstgeschichte, Armin Tuulse und Voldemar Vaga, stammt aus den Jahren 1958-1975. Der Initiator des Briefwechsels war Voldemar Vaga, der in Tartu lebte. Einige Jahre früher gelang es ihm, Kontakt zu seinem ehemaligen Kollegen Sten Karling (1906 Barherton, Ohio - 1987 Stockholm) aufzunehmen, der in Schweden lebte.
Der Briefwechsel zwischen Armin Tuulse (1907-1977) und Voldemar Vaga (1899-1999) dauerte über 20 Jahre. Es sind 159 Briefe und Postkarten erhalten. Die Briefe von Armin Tuulse werden im Privatarchiv von V. Vaga in Tartu aufbewahrt. Die Briefe, die V. Vaga nach Schweden geschickt hat, sind wieder nach Estland zurückgekehrt - 1997 übergab Frau Liidia Tuulse die Unterlagen ihres Mannes dem Estnischen Staatsarchiv, sie werden heute im Estnischen Historischen Archiv aufbewahrt (Bestand 5298). Beim Vergleich stellt sich heraus, daß ein Drittel der Briefe von V. Vaga fehlt; die der Jahre 1964-1975 sind überhaupt nicht vorhanden.
Aus dem vorliegenden Bestand ist ersichtlich, daß man während der ersten zehn Jahre monatlich ein bis zwei Briefe ausgetauscht hat. Hinzu kamen Sendungen von Büchern, Artikeln, Zeichnungen, Fotos, Plänen u.a.
Welche Bedeutung hatte der über 20jährige Briefwechsel für die beiden Kunsthistoriker, von denen der eine in Schweden und der andere in der Heimat, hinter dem «eisernen Vorhang», gelebt hat?
Beide, sowohl A. Tuulse als auch V. Vaga, haben während der Periode zwischen den Kriegen an der Universität Tartu studiert und gearbeitet. V. Vaga promovierte 1928 (Mag.phil.) und A. Tuulse 1942 (Dr.phil.). Im Vergleich zu V. Vaga erreichte A. Tuulse, der 1944 nach Schweden emigrierte, als Forscher in den 1950er Jahren eine breitere Anerkennung. Er arbeitete an der Reihe «Sveriges Kyrkor» mit. Außerdem erschien 1952 in Schweden seine umfangreiche Abhandlung über die europäische Burgenarchitektur, «Borgar i Västerlandet», die später auch in deutscher und englischer Sprache veröffentlicht wurde. Von V. Vaga hingegen erschienen bereits 1937 («Allgemeine Kunstgeschichte») und 1940 («Estnische Kunst») zwei größere Übersichtswerke in Estland.
Zu Beginn des Briefwechsels stellt sich heraus, daß V. Vaga, obwohl er Professor für Kunstgeschichte an der Universität Tartu war, in den Nachkriegsjahren zwei Mal sein Forschungsthema wechseln und damit auf die Promotion verzichten mußte. Das dritte Thema - die mittelalterliche Architektur, insbesondere die Problematik der Basilika und der Hallenkirche in Estland und Lettland - wurde von Armin Tuulse gebilligt. Damit beginnt im Briefwechsel zwischen A. Tuulse und V. Vaga ein kunsthistorischer Dialog. Die Ratschläge, Berichte, Mitteilungen über Autoren und Quellen waren beiden von Nutzen, auch für A. Tuulse, der einige Jahre später seine umfangreiche Abhandlung über die romanische Kunst in Skandinavien («Romansk konst i Norden», Stockholm 1968) veröffentlichte. In dieser Forschungsarbeit werden die Probleme der mittelalterlichen Architektur des Baltikums als Teil des skandinavischen Kulturraums im Zusammenhang mit der Entwicklung der allgemeinen europäischen Kultur angesehen. Dank der von V. Vaga übersandten Literatur war A. Tuulse über die Forschungsarbeit in der Sowjetunion informiert. Von A. Tuulse wiederum bekam V. Vaga wichtige Informationen über die in den nordischen Ländern herrschenden Meinungen und in der Sowjetunion unzugängliches Material über die Fragen der europäischen mittelalterlichen Architektur. Beiderseits wurden Quellenmaterialien und Angaben präzisiert, Informationen über die eine oder andere Abhandlung oder über andere Forscher ausgetauscht. Den wichtigsten Teil dieses Briefwechsels macht jedoch der fachmännische Dialog zwischen den beiden estnischen Kunsthistorikern aus, der von gemeinsamen Erinnerungen an die Studienzeit, von dem gemeinsamen Forschungsbereich - mittelalterliche Kunst und Architektur in den nordischen Ländern und im Baltikum - und von der alltäglichen Arbeit, der Erziehung der neuen Generation von Kunsthistorikern in Estland und Schweden, geprägt wurde.
In der zweiten Hälfte der 1960er und in den 1970er Jahren dominierte in den Briefen das Universitätsthema. Diese Einschätzung kann aber auch subjektiver Art sein, weil einige Briefe von V. Vaga fehlen.
Seit 1962 war A. Tuulse Professor für die Kunstgeschichte der nordischen Länder und der vergleichenden Kunstgeschichte an der Universität Stockholm. In seinen Briefen berichtete er V. Vaga über seine Arbeit mit Studenten und Magisterstudenten, über Exkursionen, Vorlesungsthemen, Seminare, Studienprogramme, die Universitätsreform u.a. Unter anderem erteilte er Empfehlungen zu Forschungsthemen für die Tartuer Studenten und gab Ratschläge zu verschiedenen Fragen, die mit dem Unterricht verbunden waren.
V. Vaga promovierte 1964 in Leningrad. Seitdem enthalten seine Briefe nicht mehr so viel Fachliches. Die Briefe aber, die sie einander zum Jahreswechsel schickten, sind wie immer sehr lang und gründlich. In diesen Briefen wird berichtet, welche Artikel schon fertig sind, welches Manuskript als Buch erscheint oder welches Forschungsthema künftig behandelt wird. Obwohl die Lebensläufe von A. Tuulse und V. Vaga verschieden waren, hat sie als Wissenschaftler ein gemeinsamer Zug verbunden. Beide haben sich nämlich bis zu ihrem Lebensende eine hohe fachliche Kompetenz bewahrt. Und wenn sie auch in ihren Briefen über estnische Kunst und estnische Künstler oder über ihre persönlichen Probleme schreiben, so prägt doch der fachmännische Dialog das Gesamtbild ihres Briefwechsels. Die Briefe von A. Tuulse und V. Vaga beweisen, daß die erstklassige wissenschaftliche Zusammenarbeit, zu der unvermeidlich eine fachmännische Kommunikation gehört, auch dann betrieben werden kann, wenn man in politisch gegensätzlichen Gesellschaftsordnungen lebt, falls diese Zusammenarbeit von einer tiefen und innigen Freundschaft getragen wird.
In diesen 20 Jahren haben sich A. Tuulse und V. Vaga nur ein Mal getroffen. Das war im Sommer 1970, als Prof. S. Karling und Prof. A. Tuulse zusammen mit Magisterstudenten der Stockholmer Universität Tallinn besuchten. Trotz der wiederholten Einladungen aus Schweden, als Wissenschaftler an den Symposien in Visby teilzunehmen oder als Gastlektor an der Universität Stockholm zu lehren, hat Prof. V. Vaga in der Sowjetzeit keine Erlaubnis für eine Reise nach Schweden bekommen.