Friedrich Nineve, Begründer des Historischen Archivs und ein ewiger
Stellvertreter
Lea Leppik
Zusammenfassung
Friedrich Nineves Leben und Wirken wurden bis heute wenig erforscht.
Anläßlich des 80. Jubiläums des Archivs wäre es geeignet,
dass man sich an den Begründer des Archivs und den ersten wirklichen
Leiter erinnert. Als große Hilfe erweist sich sein Personenfonds
(F. 1421). Nineves Lebenslauf ist verhältnismäßig typisch
einer Generation estnischer Intellektuellen.
Friedrich Nineve wurde am 18./30. August 1857 im Gemeinde Vana-Võidu
in Livland geboren. Da sein Vater 20 Jahre Soldat gewesen war, machte
Nineve Gebrauch von dem Recht des Kantonisten, auf Staatskosten die Bildung
zu erwerben. Als er die Tartuer Russische Grundschule und die Rannuer
Kirchspielschule beendet hatte, ging Nineve 1871 nach Petersburg, um dort
in die Steuermannsschule einzutreten, aber wegen schlechter Russischkenntnisse
wurde er nicht aufgenommen. Er nahm die Arbeit in der Kanzlei des Marineministeriums
auf, offiziell war er aber im Militärdienst bis 1878, als er aus
gesundheitlichen Gründen entlassen wurde. 1882 legte Nineve die Prüfungen
in der Technischen Schule der Meeresbehörde ab und bekam steuerfreien
Beamtenstatus. Er setzte seinen Dienst in der Marinetruppenbehörde
fort, war als Redakteur der Zeitschrift tätig und beschäftigte
sich mit der Bearbeitung des Archivmaterials. 1898 wurde er Sachbearbeiter
des Archivs des Marineministeriums d.h. stellvertretender Vorgesetzter.
Im selben Jahr begann er am Archeologischen Institut in Petersburg zu
studieren, 1901 beendete er sein Studium. Im Archiv des Marineministeriums
arbeitete er bis 1910, wegen der Zwiespalt mit der neuen Leitung war er
gezwungen, die Stelle zu verlassen. Zusammen mit dem Ingenieur K. Russwurm
gründete Nineve ein Privatunternehmen, um Archive und Bibliotheken
einzurichten. Übrigens ordnete er das Rigaer Stadtarchiv und das
Archiv der Gouvernementsverwaltung Livlands. Das Unternehmen geriet in
Konkurs, weil der Erste Weltkrieg ausgebrochen war. Vor dem Ersten Weltkrieg
gelang es Nineve, sich einen Namen in der Entwicklung archivtheoretischen
Gedankens zu machen, weil seine aus Provenienzprinzip geleitete Kritik
A. I. Lebedew gegenüber ein großes Aufsehen erregt hatte und
man hoffte, dass Nineve ein Lehrbuch schreiben wird. Alles brach mit dem
Aufbruch des Krieges zusammen. Nach der Februarrevolution stand Nineve
zu Diensten der Provisorischen Regierung und er begann in Kaukasien zu
leben, weil das Leben dort billiger war. 1920 kehrte er nach der Option
nach Estland zurück, er traf zusammen mit acht Waggons ein, die die
Schätze der Tartuer Universitätsbibliothek und des Archivs enthielten.
Zuerst wurde er bei der Universität eingestellt, er ordnete das Archiv
und seit 16. Mai 1921 wurde er stellvertretender Leiter des gegründeten
Estnischen Staatlichen Zentralarchivs. Energisch begann er das Archiv
einzurichten, Regale zu bauen, Materialien zu sammeln, Verzeichnisse zusammenzustellen.
Grundsätzliche Widersprüche entstanden zwischen ihm und den
jungen Vorgesetzten auch in Tartu, besonders wegen der Verteilung der
Archivalien nach Lettland. 1924 trat Nineve in den Ruhestand und 1929
starb er.
Die Problematik der Serienbildung am Beispiel des Archivs des Tallinner
Bezirksgerichts (1889-1918)
Katrin Roosileht
Zusammenfassung
Im Herbst 2000 enstand das Infosystem des Nationalarchivs (AIS), mit
dessen Hilfe archivalische Haupttätigkeiten Aufsicht, Bewertung,
Sammlung, Beschreibung, Aufbewahrung und Zugangssicherheit elektronisch
verwaltet werden können. Besonders auf dem Gebiet der Beschreibung
sind die größten Fortschritte gemacht worden, als man angefangen
hat, die Daten massenhaft einzugeben. Es ist ganz logisch, weil sich alle
in öffentlichen Archiven befindenden Materialien so oder so beschrieben
worden sind und das Digitalisieren von Daten ist einfach die Frage der
Ressourcen. Dies hat aber grundsätzliche Probleme mit sich gebracht.
Mit ihrer Analyse versucht man in dieser Situation anhand eines konkreten
Beispiels zu einer Lösung zu kommen.
Aufgrund der Archivvorschrift sollen als Ordnenseinheiten Archiv, Serie
und Verzeichnungseinheit und als Beschreibungsebenen Archiv, Serie und
Archivalien benutzt werden. Auf dieser Grundlage wurde das System zur
Verwaltung von Beschreibungseinheiten im AIS aufgebaut. Wenn wir die Daten
aus den bestehenden Verzeichnissen ins AIS eingeben, werden wir mit Problemen
konfrontiert, die sich aus dem folgenden Sachverhalt ergeben:
- Beschreibungsebenen aus der Sowjetzeit (Fonds, Serie, Verzeichnungseinheit)
decken sich mit der im AIS benutzten Beschreibungsebene nicht.
- die Ebene der Serie wurde in den früheren Zeiten nicht kontinuierlich
und in einer anderen Bedeutung benutzt.
Die erste Schwierigkeit wurde so überwunden, dass man sich einigte,
die Beschreibung der Verzeichnungseinheit aus der Sowjetzeit auf die Ebene
der Archivalien im AIS zu platzieren. Diese Lösung ist nicht die
Beste, aber auch keine schlechte.
Das Problem der Serie ist komplizierter. Aufgrund der Archivvorschrift
gelten die Unterteilungen in den Verzeichnissen strick befolgt als keine
Serien. Können wir sie dessen ungeachtet benutzen, oder soll die
umfangreiche Umstrukturierungsarbeit auf einer neuen Grundlage für
die Schaffung der Serien durchgeführt werden? Für die Grundlage
der Bildung der Serien hat man empfohlen, alte Serienindizes zu benutzen,
die auf Akten stehen. Ist es überhaupt möglich, so etwas zu
machen? Von diesen Fragen ausgehend versuchte ich diese Sache in der Praxis
auszuprobieren. Für meine Arbeit habe ich zwei Aufgaben gestellt:
- Ist es möglich, das Archiv in Serien aufzuteilen, wenn man nur
die auf den Akten verzeichneten Indizes benutzt?
- Ist es überhaupt möglich, das ehemalige Seriensystem wiederherzustellen,
wenn es später zerstört worden ist?
Als Versuchsgrundlage wählte ich die Narjaden (russ.), die aus den
Kanzleimaterialien eine Serie bildeten, insgesamt 283 Verzeichnungseinheiten,
und die sich im Historischen Archiv befindenden Archiv des Tallinner Bezirksgerichts
(unter Fondsnummer 105) aufbewahrt wurden. Bei der näheren Betrachtung
stellte sich heraus, dass bei 209 Verzeichnungseinheiten auf dem Deckel
das Merkmal der ehemaligen Serie geschrieben war (im Verzeichnis waren
sie nicht vermerkt). Der Rest der Verzeichnungseinheiten hatten entweder
beschädigte Deckel, das Merkmal der Serie fehlte oder es handelte
sich um eine neue Verzeichnungseinheit, die sich aus dem losen Archivmaterial
zusammensetzte. Von den bestehenden Indizes lässt sich eine Reihe
von Zahlen- und Buchstabenkombinationen bilden, die eigentlich nichts
bedeuten und aufgrund derer das Rätzeln über eine Serie kompliziert
und ziemlich hoffnungslos ist.
Mit Hilfe der Satzung der behördlichen Struktur und der Sachbearbeitung,
die in der Nationalbibliothek ausfindig gemacht wurde, kann man wohl feststellen,
zu welchen Serien die 209 Verzeichnungseinheiten mit dem Serienmerkmal
gehören, aber wie soll man bei den restlichen, 74 Verzeichnungseinheiten,
vorgehen? Es ist nicht schwierig, diese 74 in die Serien unterzubringen,
aber es entsteht dabei die Frage, was ist das, was wir als Resultat dieser
Arbeit erzielt haben. Es stellt sich heraus, dass es nicht möglich
ist, auch durch Benutzung der Hilfsmaterialien die Serien im vollen Umfang
wiederherzustellen.
Das Resultat dieses Versuchs hat gezeigt, dass es empfehlenswert wäre,
die Beschreibungen der Unterteilungen, die sich in den Verzeichnissen
befinden, auf die Serienebene im AIS einzugeben, weil uns die Bildung
neuer Serien aufgrund der angebotenen Methode statt der einstweiligen
Archivordnung eine anfallende Umstrukturierung bringt.
Über die Gründung der Krankenkassen
Tõnis Möldre
Zusammenfassung
Im Fondsverzeichnis des Estnischen Historischen Archivs sind die Fonds
der Zentralkrankenkassen der Gouvernements Estlands und Livlands in der
Unterabteilung der Versicherungsvereine systematisiert. Unter der Bezeichnung
Arbeiterversicherungskommission kann man auf den ersten Blick kaum vermuten,
dass es sich um eine Krankenkasse handelt. Die erwähnte archivierte
Dukumentation erweckte ein Interesse für die Umstände der Gründung
einer solchen Institution, die in unserer heutigen Gesellschaft eine wesentliche
Rolle spielt.
Früher hat Salme Ahelik dieses Thema in ihren zwei Publikationen
behandelt leider werden beide von der Ideologie getragen, die der
damaligen sowjetischen Zeit charakteristisch war, auch wird die Gründung
der Krankenkassen in Estland während der Periode des zaristischen
Russlands oberflächlich behandelt.
Die Krankenkassen wurden am 23. Juni 1912 laut dem vom russischen Kaiser
Nikolaus II. im Hafen von Paldiski unterzeichneten Arbeiterversicherungsgesetz
gegründet. In zwei Gouvernements, die auf dem estnischen Territorium
existierten, wurden die zentralen Krankenkassen 1913 gegründet. Im
Artikel wird die Übersicht über Struktur der Krankenkassen,
Mitgliedschaft und über andere Aspekte, die mit der Tätigkeit
und dem Wesen dieser Institution verbunden waren, gegeben.
Die Gründung der Institution von Krankenkassen war ein Ergebnis
des Bedarfs, der nicht nur von Proletariern, sondern auch von anderen
gesellschaftlichen Schichten akzeptiert wurde. Bei der Legalisierung der
erwähnten Einrichtungen war der friedliche Druck seitens der Industriellen
auf den damaligen Gesetzgeber am wesentlichsten und nicht das Verständnis,
das sich aufgrund der Mentalitätsänderungen herausgebildet hat,
dass sich alles Progressive (auch Pseudo-) aus der aktiven und wirkungsvollen
Anwendung von Kräften ergibt. Die Gründung der Krankenkassen
war zugleich ein Zeichen davon, dass in der konservativen russischen Gesellschaft
begannen, sich neue soziale Einstellungen zu verbreiten.
Örtliche Archive in den Jahren 19912000
Helve Matsi, Esta Porgasaar
Zusammenfassung
Im vorliegenden Artikel werden näher die Veränderungen in der
Arbeitsstruktur und Tätigkeit der örtlichen Archive während
der letzten zehn Jahre behandelt. Das System der örtlichen Archive
bildete sich in den 60er Jahren in der Estnischen SSR heraus. In Estland
wirkten 16 örtliche Archive, 13 von denen waren Rajons- und 3 Stadtarchive,
die seit 1968 als Archive mit dem ständigen Dokumentenbestand funktionierten.
Die Archivarbeit war sehr genau reglementiert: Beschlüsse, Unteranordnungen,
methodische Materialien und verschiedene Anweisungen für die Organisation
der Sachbearbeitung und der Archivarbeit kamen aus Moskau nach Tallinn
an die Hauptverwaltung der Archive, wo sie übersetzt, an unsere Zustände
angepasst und in alle Archive verschickt wurden, um sie zu befolgen und
zu erfüllen. Das ausgeprägte System änderte sich mit der
Wiedererlangung der estnischen Unabhängigkeit. Man kann die folgende
Periode vom Standpunkt der örtlichen Archive bedingt in zwei Abschnitte
einteilen:
- bis 1998 existierten örtliche Archive als selbständige Einrichtungen
und
- seit 1999 sind sie im Bestand des Nationalarchivs als regionale Struktureinheiten,
wobei die Probleme der Archive der damaligen Perioden einigermaßen
unterschiedlich waren.
Die erste Periode wird durch die Änderungen, die sich 1991 in der
estnischen Gesellschaft vollzogen haben und die daraus resultierenden
Umwandlungen in der alltäglichen Archivarbeit charakterisiert.
1991 wurde die Mustersatzung der Landkreis- und Stadtarchive angenommen,
die die Hauptaufgabe der örtlichen Archive formulierte: Aufklärung,
Sammlung, Aufbewahrung und Benutzungsordnung historischer Urkunden, die
den Dauerwert besitzen, ebenso Leitung der Arbeit in den behördlichen
Archiven und die Aufsicht. 19911993 waren die Archive als Unterbehörden
der örtlichen Selbstverwaltungen tätig, 19941998 waren
sie zuerst bei dem Estnischen Archivamt und seit 1996 werden sie von der
Staatskanzlei als staatliche Behörden verwaltet.
Die Haupttätigkeitsbereiche der Archive sind heute Antwort auf verschiedene
Anfragen von Behörden und Bürgern und Archivieren von Dokumenten
der liquidierten und privatisierten Unternehmen, die eine dauerhafte Aufbewahrunfrist
besitzen. Der Umfang der Arbeit kann durch die Zahl der Anträge illustriert
werden: im Jahre 1989 stieg diese Zahl von 7680 auf 52 250 im Jahre 1993.
Während der Durchführung der Eigentumsreform wurden mehrere
Archivgebäude den ehemaligen Besitzern zurückgegebenen und so
zogen neun örtliche Archive 19931998 in neue Räumlichkeiten
um. Einige Archive bekamen zusätzliche Fläche für Aufbewahrung
der Archivalien, weil man infolge der Unternehmensprivatisierungen gezwungen
war, mehr Archivalien in Archiv aufzunehmen, auf diese Weise wuchs der
Bedarf an Aufbewahrungsstellen.
Die zweite Periode, die 1999 begann, wird durch methodische Probleme
charakterisiert, die sich von den Veränderungen der Struktur, des
Personalbestandes und der Archivtheorie ausgehen. Dies komplizierte die
Arbeit der örtlichen Archive erheblich. 1999-2000 setzte sich das
Nationalarchiv als Behörde aus funktionalen Abteilungen und regionalen
Struktureinheiten (örtliche Landarchive) zusammen. Seit 2001 herrscht
ein Archivsystem, wo örtliche Archive in Unterordnung von zwei unterschiedlichen
Archiven eingeteilt sind und wo der Informationsaustausch noch mehr erschwert
ist.
Die methodischen Probleme bestehen wesentlich in der Durchführung
der staatlichen Archivaufsicht, der Beratung bei der Aufnahme der archivalischen
Dokumente in Verzeichnisse und in ihrer Stellungnahme, in der Bewertungspolitik
der Archivalien und Durchführung der Sammlungspolitik, im Zugang
zu den Archivalien und in den Zugangseinschränkungen, im Ordnen in
der Beschreibung des Archivs und schließlich in der Archivterminologie,
damit wir einander verstehen könnten.
Der Lesesaal des Historischen Archivs und die Forscher
Ene Hiio
Zusammenfassung
Die Forscherbetreuung ist ein wichtiger Tätigkeitsbereich des Archivs,
ihr ist die direkte Öffentlichkeitsarbeit eigen. Die Zahl der Archivbesucher
ist von Jahr zu Jahr gewachsen. Die Ursachen dafür liegen in den
Umwandlungen, die sich in der Gesellschaft vollzogen haben: Offenheit
der Archive, wachsendes Interesse für Familienforschungen und Heimatkunde
oder das praktische Bedürfnis, die Vergangenheitsgeschehnisse kennenzulernen.
Die Regulierung der Bedienung hängt davon ab, wie der Archiv ist,
d.h. von der Zugänglichkeit der Fonds, den aufbewahrten Materialien,
dem Zugang und den Kunden, die vom Archiv bedient werden. Bei dem Historischen
Archiv liegt die Schwierigkeit darin, dass das Gebäude nicht für
das Archiv sondern nur an diese Zwecke angepasst worden ist. Diese Tatsache
wirkt beeinträchtigend auf die reibungslose Regulierung der Bedienung
aus.
Anfang des Jahres 2000 wurde unter den Besuchern des Lesesaals des Historischen
Archivs eine Umfrage durchgeführt, deren Ziel war, den Besuchern
die Möglichkeit zu geben, ihre Meinung über die Arbeit des Lesesaals
zu äußern und auch ihre Vorschläge zu machen. Die Befragten
haben sowohl die Bedienung als auch die Arbeitsbedingungen überwiegend
positiv eingeschätzt. Die Forscher schätzen das angenehme Betriebsklima
und die Bedienung des Archivs; der Mangel an Raum und manchmal die lange
andauernde Zeit des Erhalts der Materialien werden kritisiert.
Laut der Umfrage sind die meisten Besucher des Historischen Archivs die
Personen, die mit der Universität verbunden sind (Lehrkräfte,
Studenten, Angestellte), es folgen Rentner, Schullehrer und Schüler.
Als Forschungsthema dominiert natürlich die estnische Geschichte,
vorallem die Geschichte des Landes und dann der Städte, neben den
fachlichen Forschungsarbeiten (Doktor-, Magister -, Seminararbeiten) werden
in der letzten Zeit immer mehr auch genealogische Forschungen gemacht.
45 Jahre der Restauration und Produktion von Mikrofilmen im Historischen
Archiv
Zusammengestellt von Ruth Tiidor und Raivo Velsker
Zusammenfassung
Laut der Bestimmung des Ministerrates der Estnischen SSR am 27. April
1956 wurde bei der damaligen Archivabteilung des Innenministeriums eine
Restaurationswerkstatt samt Fotolabor für Restaurierung beschädigter
Urkunden und Herstellung Mikrofotokopien gegründet. Das Ministerium
war verpflichtet, im Laufe von zwei Monaten, die Struktur und die Personalbestände
auszuarbeiten. Im Personalbestand des Staatlichen Zentralarchivs der Oktoberrevolution
und des Sozialistischen Aufbaus der Estnischen SSR (ORKA) wurden ein Fototechniker-Restaurator
und im Staatlichen Historischen Zentralarchiv der Estnischen SSR (RAKA)
ein Techniker-Restaurator angestellt. Nach dem Plan sollten im Labor des
Historischen Archivs bis zum Ende des Berichtsjahres 1956 180 Verzeichnungseinheiten
genäht, 3200 ausgebessert und 50 Verzeichnungseinheiten restauriert
werden.
Von Anfang des Jahres 1957 an nahm die Foto-, Einbinden- und Restaurationswerkstatt
schon im vollen Umfang ihre Tätigkeit auf und gehörte offiziell
zu der Archivabteilung des Innenministeriums der Estnischen SSR.
Die Restaurierungsgrundsätze haben sich während der praktischen
Arbeit herausgebildet. Als Vorbild und Grundlage dienten die Erfahrungen
derjenigen, die sich in den Zentren Moskau und Leningrad fortgebildet
haben, ebenso die Arbeitsanleitungen der Hauptverwaltungen und zusätzlich
die Aneignung von Wissen und Fertigkeiten aus der Fachliteratur. Das seit
1969 erscheinende Sammelwerk der Universitätsbibliothek Buch
Zeit Restauration wurde zum wichtigen Hilfsmaterial
für die Restauratoren. Wesentlich waren direkte Kontakte mit den
Restauratoren der Bibliothek, deren Arbeit hohes Niveau hatte. Die Archivarbeit
beruhte vor allem auf der normierten Planwirtschaft. Jeder Arbeitsgang
hatte seine bestimmte Norm, die sich von Allunionsmusternormen ausging.
Bis zu den 90er Jahren wurde der Plan erfüllt und über folgende
Arbeitsgänge wurde Rechenschaft abgelegt: Nähen von Akten, Broschieren,
Ausbesserung, Restauration, Desinfizierung und Mikrofilmen.
Nach der Eigentumsreform, Anfang der 1990er Jahre, setzte sich massiv
eine Welle von Archivanfragen ein und der Umfang geplanter Abteilungsarbeiten
verminderte sich wesentlich, weil sich auch die Restauratoren mit der
technischen Abwicklung der Archivbescheinigungen beschäftigen sollten.
In gleicher Zeit wurden die Arbeitsnormen verringert.
Die Umwälzungen in der Gesellschaft ermöglichten den Kontakt
zum Ausland. Mit der Unterstützung des in England wirkenden Vereins
der Exilestnischen Denkmalpflege wurden spezielle Restaurierungsmaterialien
gekauft. In Zusammenarbeit mit dem Genealogischen Verein von Utah wurde
im Herbst 1992 der Sicherheitsfonds gegründet. Die Restauratoren
besaßen die Möglichkeit sich für kürzere oder längere
Perioden in einigen Restaurierungszentren in Dänemark und Polen fortzubilden.
Die Abteilungen für Mikrofilmen und Restaurieren, die inzwischen
getrennt funktionierten, wurden 1999 als separate Einrichtung im Bestand
der Aufbewahrungsabteilung des Nationalarchivs vereinigt. Nach der Reorganisierung
des Nationalarchivs setzen das Sicherheitsfonds- und Konservierungsamt
im Jahre 2001 ihre Tätigkeit als Einheiten der Aufbewahrungsabteilung
des Historischen Archivs fort.
Die Entstehung des bäuerlichen Kleingrundbesitzes auf den Privatgütern
auf Ösel in den Jahren 1905-1915
Kersti Lust
Zusammenfassung
In der Mitte des 19. Jh. wurden die Rechte der Bauernschaft auf das zu
ihrer Verfügung stehende Land durch die Bauernverordnungen aufgrund
des Pacht- oder Erwerbsrechtes gesichert. In der estnischen Geschichtsschreibung
wird der Bauern(los)kauf als ein langwieriger Prozess behandelt, dessen
Ablauf von verschiedenen objektiven und subjektiven Aspekten abhängte
und dessen Schwerpunkt sich in den Jahren 18701880 aus Südestland
nach Nordestland verlagerte und erreichte am Anfang des 20. Jh. Ösel.
Der Verkauf der Bauernhöfe im erwähnten Gebiet wird als ein
Teil des Gesamtprozesses behandelt. In den speziellen Forschungen über
die Agrarverhältnisse auf Ösel wird darüber berichtet,
dass der relativ spät angefangene Einsatz vom wirtschaftlichen Rückstand
abhängig war, ohne die Geschehnisse näher zu analysieren.
In den Artikeln, die in der zweiten Hälfte der 1990er erschienen
sind und die den bäuerlichen Grundbesitz behandeln, wird eine Frage
aufgeworfen, wer die aktivere und ausschlaggebendere Seite im Bauernlandverkauf
war und im Zusammenhang damit versuchte man regionale Besonderheiten zu
erschließen. Im vorliegenden Artikel versucht man diese Fragen zu
beantworten, wobei man den Ablauf dieses Prozesses in einer der rückständigsten
und ärmsten Regionen Estlands, auf Ösel, während der zehnjährigen
Periode, betrachtet, als der größte Teil des Bauernlandes losgekauft
wurde.
Im Artikel werden bis heute unbenutzte Quellenmaterialien benutzt, die
größtenteils aus den Sammlungen des Estnischen Historischen
Archivs stammen. Die meisten Angaben stammen aus den Fonds der Oeselschen
Ritterschaft, der verschiedenen Kreditinstitute (z.B. Russische Bauernagrarbank,
Livländische Adelige Gütercreditsozietät) und aus den Fonds
des Komissars für Bauernangelegenheiten der Oeselschen Abteilung.
Die Oeselschen Bauernverordnungen aus dem Jahr 1865 bestimmten die Verkaufsbedingungen
der Bauernhöfe, die im Wesentlichen den Bestimmungen der Bauernverordnungen
Livlands aus dem Jahr 1860 ähnlich waren.Wegen der Armut waren die
Bauern nicht imstande, ihre Bauernhöfe von den Gutsbesitzern loszukaufen.
In den Jahren 1865-1908 wurden nur 14,3% des ganzen im Besitz der Privatgüter
liegenden Bauernlandes losgekauft, in den 10 nachfolgenden Jahren der
Revolution 1905 , aber 70%. Zum 1915 waren 8941,34 Zehnten (16,3% des
gesamten Bauernlandes) noch nicht verkauft.
Während der Revolution 1905 waren die Hauptforderungen der Bauernschaft
die Minderung der Pacht und der Bauernlandverkauf. Es ist wichtig zu bemerken,
unter welchen Bedingungen der Verkauf angestrebt wurde. Um sich von der
Herrschaft der Gutsbesitzer zu befreien, forderte man, dass der Staat
den Landverkauf vermittelt und die Preise sollten gerecht sein.
Infolge der revolutionären Ereignisse veränderte sich das Verhalten
der sonst passiven Gutsbesitzer dem Bauernlandverkauf gegenüber.
Mit dem Beschluss des Convent der Ritterschaft vom 17. November 1905 bewilligte
man den Vorschlag, die Entstehung des bäuerlichen Kleingrundbesitzes
zu unterstützen. 1906 fand der Landtag statt, wo die Ritterschaft
versprach, den Bauernlandverkauf zu unterstützen und den Gutsbesitzern
wurde empfohlen, dass sie die Pachtsumme bei der Erneuerung des Vertrags
nicht steigern sollten.
Nach der Revolution 1905 fand in der allgemeinen Agrarpolitik der zaristischen
Regierung eine Umwandlung statt, die danach strebte, dass eine starke
Bauernschicht herauswächst, um die soziale Grundlage der Regierung
zu erweitern. Eine Maßnahme für die Regulierung der Bodenverhältnisse
bestand in der Erweiterung der Tätigkeit der Russischen Bauernagrarbank
auf die Baltischen Gouvernements. Die Aufgaben dieser Bank waren folgende:
Kredite an die Bauernhöfe zu vergeben, indem sie die Rolle des Vermittlers
zwischen dem Käufer und dem Verkäufer (dem Gutsbesitzer) übernehmen
sollten und Kredite an die schon früher verkauften Bauerhöfe
zu vergeben, damit sie ihre Schulden begleichen können. Außerdem
war die Bank berechtigt, Gutshöfe samt dazu gehörendem Bauernland
aufzukaufen und an die Bauernschaft weiter zu verkaufen. Der letzterwähnte
Tätigkeitsbereich war besonders auf Ösel von Bedeutung.
Der Bauernlandloskauf wird in zwei Teilen behandelt. Im ersten Teil wird
der Bauernlandloskauf im Gutshof untersucht, wobei der Kaufvertrag zwischen
dem Gutsbesitzer und dem Bauern abgeschlossen wurde. In den obenerwähnten
Gutshöfen war das Kaufgeschäft in der Periode 19101912
am intensivsten, von den 19081916 verkauften Bauernhöfen wurden
70% gekauft. Was die Preise und die Preisschwankungen in dieser Periode
anbetrifft, so ist ein geringer Anstieg bemerkbar, besonders in dieser
Periode, als die Kaufaktivität am höchsten war, am bemerkenswerten
war jedoch ein großer Umfang in der Preisschwankung. Dem Bauernlandloskaufprozess
auf Ösel war charakteristisch, dass die Mehrheit der Bauerhöfe
während einer sehr kurzen Periode verkauft wurden, deshalb hat bei
der Preisbildung das Nachfrage- und Angebotsverhältnis auf dem Markt
keine besondere Rolle gespielt. Bedeutend mehr hängten die Preise
vom Wohlstand der Bauern in dieser Region ab und von der wirtschaftlichen
Lage des Gutsbesitzers ebenso von seinen Anstrebungen. Mit einer großen
Verallgemeinerung kann man behaupten, dass die Bedingungen in den Regionen
mit fruchtbareren Böden, wie z.B. in den Gemeinden Pöide und
Valjala, kompliziert waren und der Kaufpreis war in den Regionen mit unfruchbaren
Böden geringer, auffallend groß ist die Zahl der Ausnahmen.
30% der Bauernhöfe gehörten sogar mehr als einem Besitzer und
nur etwa der Hälfte der ehemaligen Pächter gelang es, den Bauernhof
loszukaufen. Wenn man den Käuferkreis, der die Bauernhöfe von
der Bauernagrarbank gekauft hat, mit den ehemaligen Bauernhofsbesitzern
vergleicht, so betrug der Anteil der Letztgenannten bis zu drei Viertel,
dies bezeugt, dass die Gutsbesitzer schwerere Kaufsbedingungen stellten
und die meisten Bauern waren einfach gezwungen, ihre Wirtschaften zu verlassen.
Außer den Bauernhöfen verkauften viele Gutsbesitzer auch ihre
Häuslerstellen an die Bauern.
Der zweite Teil der Bauernhöfe wurde von den Gutsbesitzern zuerst
an die Bauernagrarbank verkauft, die dann sie weiter an die Bauern verkaufte.
19061910 kaufte die Bauernagrarbank 22 Gutshöfe und später
noch einen Gutshof. Die Bauernagrarbank kaufte verhältnismäßig
viele Gutshöfe in diesen Regionen, wo die Qualität der Böden
ziemlich schlecht war und dadurch waren die Produktivität und die
Rentabilität auch niedrig. In einer Hälfte der Gutshöfe,
die in den Besitz der Bauernagrarbank kamen, hat man früher keine
Bauernhöfe verkauft und in der zweiten Hälfte hat man als Regel
nur im beschränkten Umfang verkauft. Die Politik der Bank bestand
darin, möglichst schnell die Bauernhöfe zu verkaufen. Bei der
Preisbildung wurden die von der Bank gemachten Aufwendungen zwischen den
potentiellen Käufern im Verhätnis zur Größe der verfügbaren
Parzelle aufgeteilt. Der Preis je Zehnte , zu dem die Bank die Bauernhöfe
verkaufte, war meistens niedriger als der Preis, zu dem im selben Kirchspiel
die Gutsbesitzer die Bauernhöfe verkauften. Die Bauernagrarbank vergab
Kredite in Höhe von 8890% der Loskaufsumme eines Bauernhofes.
Über die günstigeren Bedingungen spricht indirekt die Tatsache,
dass die Bauernhöfe beim Kauf seltener aufgeteilt wurden (30 Bauernhöfe
von 436) als direkt beim Kauf der Bauernhöfe von den Gutsbesitzern.
Als neue Eigentümer erwiesen sich ehemalige Pächter. Also kann
die Tätigkeit der Bank auf Ösel vom Standpunkt eines Bauern
für positiv gehalten werden. 1915 wurden etwa 40% des Landes, das
auf Privatgütern auf Ösel losgekauft wurde, durch die Vermittlung
der Bank erworben.
Der massive Bauernlandloskauf ist nicht mit der Verbesserung der bäuerlichen
Wirtschaft, sondern mit dem Einfluss der Bauernbewegung des Revolutionsjahres
1905 verbunden. Sowohl die zaristische Regierung als auch die Oeselsche
Ritterschaft setzten sich energisch dafür ein, im Dorf eine starke
Schicht der Bauernhofsbesitzer zu errichten. Um dieses Ziel zu erreichen,
wurde 1882 die Russische Bauernagrarbank gegründet, deren Tätigkeit
auf die Baltischen Gouvernements erweitert wurde. Die Tätigkeit dieses
Kreditinstitutes gab dem Kauf-und Verkaufsprozess der Bauernhöfe
auf Ösel einen besonderen Ausdruck. Die Bauernagrarbank kaufte von
den Gutsbesitzern und verkaufte weiter an die Bauernschaft etwa 40% des
1865-1915 gekauften Landes, indem sie im Vergleich zum Livländischen
Kreditverein günstigere Bedingungen bei Tilgungsanleihen einräumte.
Die Vorstellung der Christen von den Juden im Mittelalter
Martin Jaigma
Zusammengefassung
Die Forschungen über die jüdische Geschichte sind in der heutigen
Geschichtswissenschaft eines der beliebtesten und verbreitesten Themen,
aber es soll beachtet werden, dass diese Erscheinung eine sowohl synchronische
als auch diachronische Bedeutung hat, die im Kontext der zeitgenössischen
und auch der vergangenen Hinterlassenschaft zu verstehen ist. Die dynamischen
Jahrhunderte, XII. und XIII., stellen die Periode dar, als die wesentliche
Wechselbeziehung zwischen den neuen gesellschaftlichen Bedingungen und
den früheren Erkenntnissen herrschte. Aus dieser Symbiose entstand
ein komplexes Erscheinungsbild von einem Juden, dessen Einfluss sich auch
heute zeigt. Viele hochmittelalterliche Perspektiven und geistige Bereiche
werden jetzt wohl für progressiv gehalten, aber damals bedeutete
ein größeres Bewusstsein über die Varietäten auch
die Entstehung des Verteidigungszustandes und der Angst. Für Juden
bedeutete dies eine unstabile soziale Position in der christlichen Gesellschaft
und eine Welt von komplizierten Vorstellungen, die sie sowohl ausgenützt
als auch als Fremde bezeichnet hat.
Man kann sagen, dass antisemitische Vorstellungen der einfachen Christen,
die sich im XII. und XIII. Jh. bildeten, wurden nicht mehr direkt von
den theologischen Doktrinen beeinflusst, obwohl sich ihre Wurzeln in alten
christlichen Lehren befanden, sondern aus ihnen entwickelten sich neue
Fantasievorstellungen und Stereotypen, die keiner doktrinischen Unterstützung
mehr bedurften. Wenn volkstümliche Vorstellungen sich in den Köpfen
der Menschen über die unter ihnen lebenden Juden einbildeten, so
verließen sie die Sphäre der Glaubenslehre und traten in die
europäische Folklore ein. Eine der interessantesten Erscheinungen
war das Gerücht und die Vorstellung von Christen, dass die Juden
während der Ostern oder des Passahfestes christliche Kinder stehlen
oder kaufen, sie dann, Passion Christi verspottend, kreuzigen, quälen
und das aus ihren Körpern gelassene Blut für ihre geheime Ritualien
benutzen. Auch wurden die Juden der Entweihung anderer christlichen Sakramente
beschuldigt. Allgemein kann man sagen, dass solche Phänomene bestimmte
Funktionen erfüllten, die die Möglichkeit zur christlichen gemeinschaftlichen
Erlösung schufen, deren Agenten sowohl unschuldige Kinder als auch
Gegenstände sakraler Bedeutung werden konnten. Es konnte sich auch
in seiner Art um eine umgekehrte soziale Missa handeln, deren Sprache
teilweise aus der kirchlichen Liturgie und teils aus dem Lexikon magischer
religiöser Überzeugungen des Volkes stammte oder man hat durchaus
mit der Verweisung des inneren Schuldgefühls von Christen auf die
Juden zu tun. Die Vielfältigkeit der Behandlungsweisen hat ermöglicht,
zahlreiche neue Bedeutungen zu finden, die der Welt komplizierter Vorstellungen
und ihrem Verständnis neue Nuancen gibt.
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