Präzisionen und Ergänzungen zu Jugend- und Studienjahren von
Heinrich Stahl
Leino Pahtma
Zusammenfassung
Im Jahre 2000, wenn in Estland wieder das Jahr des Buches begangen wird
(475 Jahre seit Erscheinung des ersten estnischsprachigen Buches), wäre
die Erinnerung an den etwa vor 400 Jahren geborenen Geistlichen und Schriftsteller
Heinrich Stahl angemessen, der 1630 als Gründer der nordestnischen
Kirchenliteratur gilt. Seine Biographie und literarische Tätigkeit
werden vor allem im Zusammenhang mit den späteren Etappen seines
Lebens behandelt, seine Jugend- und Studienjahre sind weniger oder nur
am Rande geforscht worden. Der vorliegende Artikel möchte diesen
Fehler wiedergutmachen.
Stahls Leben enthält besonders aus früheren Perioden manche
Lücken, Fraglichkeiten und Meinungsunterschiede.
Sein Geburtsort Reval (Tallinn) hat sich nie dem Verdacht ausgesetzt,
das Geburtsdatum aber wirft die erste Vermutung in seine Biographie auf.
Jedoch bestehen in dieser Frage keine extrem unterschiedlichen Standpunkte
Stahls Geburtsdatum wird das letzte Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts,
vorangegangene Periode des 16/17 Jahrhundertwechsels 16/17 und um 1600
angegeben. Stahls Geburtsdatum ergibt sich aus der Biographie seines gleichnamigen
Vaters. Am 18. November 1597 wurde Mitglied der Bruderschaft der Schwarzhäupter
Heinrich Stahl senior zum vollberechtigten Stadtbürger und heiratete
angeblich noch in demselben Jahr Margaretha zur Mühlen. Folglich
könnte das Geburtsjahr von Stahl junior 1598 sein.
Es gibt entgegengesetzte Standpunkte auch bezüglich seines Vaters.
Nach H. Weiss ist Stahls Vater Oldermann der Revaler Große Gilde
gewesen, der 1603 samt seiner Frau an Pest gestorben sei und einen kleinen
Sohn als Waise hinterlassen habe. E. von Nottbeck hat den 1603 verstorbenen
Heinrich Stahl als Großvater des späteren Schriftstellers bezeichnet.
Der Sohn des Letzteren und zugleich der Vater des Erstellers der kirchlichen
Werke trägt den gleichen Namen Heinrich Stahl, der ebenso
Oldermann der Große Gilde war und 1632 gestorben wurde.
H. von zur Mühlen hält in seiner Untersuchung den Vater des
Schriftstellers Stahl wieder für den 1632 verstorbenen Oldermann
der Große Gilde. Hinrick Stahl, der Vater des Letzteren und von
noch zwei Brüdern und drei Schwestern, der 1575 gestorben sei. Die
Tatsache, dass Stahls Vater erst 1632 gestorben war, wird durch 1623 in
Reval gemachtes Testament bewiesen, indem Oldermann der Große Gilde
Heinrich Stahl sein Vermögen seinem Sohn, Magister Heinrich Stahl,
hinterlässt. Wenn es mehrere Heinrich Stahls in Reval gegeben hat,
so ist der gleichnamige Magister doch als eine Person zu betrachten. Außerdem
hat Stahl im Vorwort zum dritten Teil von seinem Hand- und Hausbuch
(1638) seine Dankbarkeit an diejenigen prominenten Menschen ausgedrückt,
die sein Studium wirtschaftlich unterstützt haben, unter ihnen an
seinen in Gott ruhenden Vater. Also musste Stahls Vater während des
Studiums seines Sohnes, in den Jahren 16171623, am Leben gewesen
sein und seinen Sohn beim Erwerb der Bildung unterstützen.
Laut Stahl hat er seine Bildung in den Revaler Schulen erworben. Er besuchte
die Trivial- oder große Stadtschule und als einer von drei begabten
Jungen erhielt Stahl von der Stadt ein Stipendium. Angeblich besuchte
er die Revaler Domschule, die aber nach einigen Angaben 16001613
geschlossen war. Das Studium an der Trivialschule, die in dieser Periode
bestimmt existiert hatte, dauerte vier, in den Jahren 16031610 sogar
fünf Jahre. Das Klassenprogramm wurde nicht in einem Jahr, sondern
durchschnittlich in zwei Jahren durchgenommen, die Versetzung in die nächste
Klasse erfolgte auf Grund der Kenntnisse.
Da die Trivialschule verhältnismäßig begrenzte Vorbereitung
bezüglich der Kenntnisse sicherte und da Stahl Voraussetzungen hatte,
zukünftig Theologe zu werden, wurde er vom Pastor der St. Olai Kirche
(Oleviste), Magister Heinrich Vestring, für ein Jahr in seine Familie
aufgenommen, um die Kenntnisse des Jünglings für die Vorbereitung
auf das Universitätsstudium zu vervollkommnen. Stahl ließ sich
bei der Auswahl des Berufs bestimmt davon beeinflussen, dass sein Onkel
mütterlicherseits, Helmhold zur Mühlen, er beendete die Rostocker
Universität mit Magistergrad in Philosophie, 1639 zusammen mit Stahl
Assessor des Estnischen Provinzialkonsistoriums wurde.
1617 wurde Stahl in die Philosophische Fakultät der Rostocker Universität
aufgenommen. Einige früher aber auch später gemachte Untersuchungen
beweisen, dass Stahl erst 1620 Student geworden ist. Die Ungenauigkeit
im Datum des Beginns des Studiums kann dadurch erklärt werden, dass
1621 ihm das Stipendium zugesprochen wurde, laut allgemeinverbreiteter
Meinung soll Stahl gleich nach der Aufnahme des Studiums die Hilfsgelder
erhalten haben.
1619 ließ Stahl in Rostock die den Revaler Machthabern gewidmete
Disputation drücken und bekam für ihre Verteidigung den Magistergrad.
Danach folgte sein Theologiestudium an derselben Universität, sein
Studium wurde von der Stadt Reval drei Jahre (16211623) finanziert.
Aus Rostock begab sich Stahl 1621 nach Wittenberg, um die Vorlesungen
der dortigen bekannten lutherischen Theologen zu besuchen. Bestimmt hat
die Theologische Fakultät der Universität Wittenberg die Anschauungen
und Meinungen von Stahl wesentlich beeinflusst. 1622 promovierte er in
Wittenberg und wurde Theologiemagister. In seiner Promotionsarbeit behandelte
er die Benennungen, mit denen die Lutheraner von den Orthodoxen bezeichnet
wurden.
1623 wurde Stahl zum dritten und zugleich zum letzten Mal immatrikuliert,
er begann sein Studium an der Greifswalder Universität. Doch in demselben
Jahr wurde er vom Revaler Rat und Rigaer Statthalter Adam Schrapfer in
die Heimat zurückgerufen, wo er in das Amt des Pastors in Nachbarskirchspiele
St. Matthäi (Järva-Madise) und St. Petri (Peetri) ordiniert
wurde.
Also hat Stahl an drei deutschen Universitäten studiert, die drei,
die nachgewiesen worden sind. In einem Brief aus dem Jahre 1627 schreibt
er, dass er an den Universitäten in Rostock, Greifswald, Wittenberg
und anderswo studiert hat. Leider ist nicht nachgewiesen worden, an welchen
anderen Universitäten Stahl sich weitergebildet hat. Wahrscheinlich
handelte es sich um Orte, die Stahl während seiner Reise besuchte
oder zufällig sich einige Vorlesungen anhörte. Der längere
Aufenthalt außer genannter Städte kann man nicht nachweisen,
da Stahls Studium chronologisch mit Beweismaterialien ganz vollstängig
belegt worden ist.
Staatsbeamte in Livland am Ende des 17. Jahrhunderts
Birgit Kibal
Zusammenfassung
Die schwedische Großmacht wird in der zweiten Hälfte des 17.
Jahrhunderts durch absolutistisches Regime charakterisiert. Ein Merkmal
dafür war die Herausbildung des bürokratischen Staatsapparates.
Die Zahl der staatlichen Behörden wuchs besonders nach 1680. Der
Staatsdienst sicherte ein bestimmtes Einkommen und ermöglichte besonders
gewandten Personen einen Karriereaufstieg. Auf diese Weise lockte der
Staatsdienst immer mehr Personen heran, die eine Fachausbildung erworben
haben und damit einen bemerkenswerten Vorrang vor den Vertretern der Aristokratie
besaßen.
In den schwedischen Ostseeprovinzen, Estland und Livland, vollzog sich
eine ähnliche Entwicklung, obwohl wegen der hiesigen dualistischen
Herrschaft das schwedische Modell nie völlig angewandt werden konnte.
Die der schwedischen Zentralverwaltung unterstellten Staatsbehörden
vertraten vor allem die Interessen der Staatspolitik. In der Hauptstadt
Livlands, Riga, befanden sich die wichtigsten Zentren der Behörden.
Die Provinz wurde durch Generalgouvernementsverwaltung regiert, an deren
Spitze der vom König bestellte Generalgouverneur stand. Er galt als
Vertreter des Königs vor Ort, der befugt war, Beamte in ein Amt zu
ernennen und ihnen Anweisungen zu erteilen. Jeder Beamte ließ sich
von der ihm erteilten oder von seinem Vorgänger stammenden Anweisung,
vom im Namen des Königs geleisteten Amtseid und schließlich
von den Anweisungen des Generalgouverneurs leiten.
Während der Herrschaft von drei livländischen Generalgouverneurs
(C. Horn, J. J. Hastfer, E. Dahlbergh) 16761702 wurden in der Gouvernementsverwaltung
1719 Beamte beschäftigt. Die höchste Zahl der Beamten
war im Jahre 1696. Die Beamten waren dem Burggericht unterstellt. Der
alltägliche Geschäftsgang lief über die Kanzlei und die
Kämmerei. Die Kanzlei setzte sich aus Sekretären (getrennt ein
deutscher und ein schwedischer Sekretär) und einem Archivar samt
Untergeordneten zusammen, die meistens als Schreiber bezeichnet wurden.
Die Aufgaben eines Sekretärs und Archivars waren: Registrierung der
aus- und eingegangenen Post, Anfertigung von Kopien und Erstellung notwendiger
Urkunden. Sie waren verpflichtet, die Materialien im guten Zustand aufzubewahren
und keine Einsichtnahme den Fremden zu erlauben. In den Jahren 16621710
waren in der Kanzlei 2 Sekretäre und 2 Archivare tätig, von
denen einer zwei Ämter ausgeübt hatte.
Die Kämmerer und Buchhalter beschäftigten sich mit Buchhaltung,
Budgetaufstellung und Aufsicht. Alle Finanzgeschäfte des Generalgouvernements
wurden sowohl ins Hauptbuch als auch ins Grundbuch eingetragen, dies ermöglichte
eine spätere Überprüfung. 16621710 waren 3 Kämmerer
angestellt. Einer von ihnen trug seit 1696 den Titel des Oberkämmerers.
Die Fiskale gewährten dem Fiskus den rechtlichen Schutz und ihre
Aufgabe war, die Befolgung der vom König erlassten Gesetze ebenso
die Straffestsetzung nach Bedarf. Der Fiskalkomissar oder Fiskalanwalt
trat im Gericht in Zivilsachen als öffentlicher Kläger auf,
wo er den Anspruch auf die Bestrafung der streitenden Parteien erheben
konnte. Er sah sich die Klagesachen von Bauern und Gutspächtern an,
ebenso die Streitigkeiten um die Gutsgrenzen. Namentlich sind 4 Fiskale
aus dem Jahr 1670 bekannt.
Zu den oben genannten Personen waren im Staatsdienst noch Zollbeamte,
Pacht- und Proviantmeister ebenso Mitglieder der Wirtschaftskontore. Das
staatliche Zollamt umfasste Erträge, die in die Kasse von Lizenzen
und Hafengebühren eingeflossen waren. In der betrachteten Periode
übten in Livland die Funktion der Zoll- und Lizenzbehörden die
Licent-Inspekteure bzw. Licent-Aufseher in Riga und Pärnu und Licent-Oberinspekteur
in Riga aus. Ihnen waren Kassierer und Schreiber unterstellt. Die Pacht-
und Proviantmeister waren in den Städten tätig, wo sie auch
angestellt waren. Ihre Aufgabe bestand darin, dass sie aus Pacht und Proviant
erwirtschaftete Erträge registrierten, berechneten und Berichte erstellten.
Die zwei Wirtschaftskontore Livlands, mit Zentren in Riga und Dorpat (Tartu),
funktionierten im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts. Der Schwerpunkt
ihrer Arbeit lag in der Verwaltung der Staatsgüter aufgrund der Reduktion.
In den Jahren 16811710 waren 3 Wirtschaftsstatthalter tätig,
die übrigens zu den Auserwählten des Generalgouverneurs gehörten
und das Mitbestimmungsrecht auf der Ebene der Gouvernementsverwaltung
besaßen.
Während einiger Jahrzehnte war eine geringe Zahl von Beamten im
Dienst. Die Arbeiten wurden von ziemlich kleineren Mannschaften bewältigt,
im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts aber wuchs der Bedarf nach zusätzlicher
Arbeitskraft. Die Budgets und der Briefwechsel, die die Grundlage zum
vorliegenden Artikel bildeten, weisen auf Engpässe in bezug auf die
Gehälter und Alltagsprobleme der Beamten hin. Gewöhnlich erbte
ein Beamter Gehalt, Wohnraum und Geschäftsraum seines Vorgängers.
Die Geschäftsräume waren nicht immer in Ordnung, so mussten
einige Arbeiten zu Hause verrichtet werden, dort wurden auch die Urkunden
aufbewahrt.
Es ist wichtig zu bemerken, dass die Traditionen des Geschäftsgangs
aus der schwedischen Zeit während des russischen Kaiserreichs fortgesetzt
wurden, indem viele damalige Anweisungen traditionsgemäß übernommen
wurden. Dies weist auf die Effektivität der Arbeitsorganisation während
der schwedischen Zeit hin.
Über die Reiseverhältnisse der in die Universitäten reisenden
Est- und Livländer im 17.18. Jahrhundert
Arvo Tering
Zusammenfassung
Die Est- und Livländer, die in der Neuzeit nur zeitweilig ihre eigene
Universität (16321656; 16901710) besaßen, sollten
gern oder ungern eine lange und kostspielige Reise vornehmen, um die Bildung
zu erwerben. Im vorliegenden Artikel wird dargestellt, wie lange die Reise
dauerte und wie kostspielig sie war. Auch wird die Problematik angesprochen,
die mit Reisealltag, Reisebequemlichkeiten und Gefahren verbunden ist.
Als Untersuchungsmaterial dienten die Reisetagebücher und Reisekostenberichte
der Balten, ebenso die Beobachtungen der ins Baltikum reisenden Hauslehrer
über ihren Reiseweg.
Zuerst wird der Reiseweg verfolgt, der in die Universitäten führte.
Diese, die die Seereise bevorzugten, fuhren meistens nach Travemünde,
das der Endhafen der meisten von hier abfahrenden Schiffe war. Weiter
ging die Reise mit einem Pferdefuhrwerk nach Lübeck zum Nachtquartier,
von da nach Hamburg, in die norddeutsche Großstadt. Angeblich mussten
die Est- und Livländer, die in die meistbesuchte Rostocker Universität
fuhren, noch im 16. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 17.
Jahrhunderts zuerst nach Travemünde fahren und von dort zu Lande
über Ratzeburg und Wismar in die Universitätsstadt, weil die
Abfahrtszeiten der Schiffe nach Rostock und die Reisezeiten der Studenten
nicht übereinstimmten.
Die Orientierungspunkte der aus Travemünde oder Riga verkehrenden
Schiffe waren die Küste Mecklenburg, die Insel Bornholm, gefährliche
Felseninseln Erdholm, Södra Udde an der Südspitze Ölands
und die Insel Gotland. In der Nähe von Östergarn, an der Ostküste
Gotlands liegend, nahmen die Schiffe, die nach Reval oder Narva fuhren,
den Kurs auf Dagerort (Ristna), diejenige nach Riga, Pernau (Pärnu)
oder Arensburg (Kuressaare) auf Windau (Ventspils).
Im 17. Jahrhundert hatten die baltischen Länder sehr enge Handels-
und akademische Kontakte zu Amsterdam, viele Balten studierten an den
Universitäten in Leiden und Franeker. Es ist nicht festgestellt,
wieviel Studenten auf dem direkten Seeweg nach Amsterdam und wieviele
zuerst mit dem Schiff nach Travemünde und von dort zu Lande weiter
nach Hamburg gefahren sind, von dort war es möglich den Reiseweg
nach Amsterdam sowohl zu Wasser als auch zu Lande vorzunehmen. Die Schifffahrt
von Amsterdam nach Leiden über die Harlem See dauerte ungefähr
neun Stunden.
Etwa hundert baltische Studierende, die an der Universität Uppsala
studierten, fuhren mit dem Schiff nach Stockholm und von dort weiter zu
Lande. Das Schiff aus Reval nahm Kurs zuerst auf die Halbinsel Hanko,
weiter ging die Seereise durch die Region Ålandsinseln, in Richtung
Vaxholm, das in den Stockholms Schären liegt, dort fand die Zollkontrolle
statt. Die Reise von Reval nach Stockholm dauerte vier bis fünf Tage,
von Stockholm nach Dünamünde (Daugavgr§vas) benötigte
man acht Tage.
Der Festlandverkehr wurde vor 18. Jahrhundert vor allem von Reisenden
benutzt, die aus dem Herzogtum Kurland nach Deutschland fuhren. Von Livland,
besonders aus Riga, reiste man angeblich weniger mit der Kutsche, weil
die Schifffahrt einfach schneller und billiger war, besonders als die
Mehrheit von Studenten ihr Studium in Rostock aufgenommen hatten. Der
erste längere Halt war in Königsberg, die Universität in
Königsberg war das Reiseziel für die meisten Studierenden aus
Kurland, weiter fuhr man über Danzig (Gdansk) nach Berlin. Aus Riga
fuhren die Kutschen nach Memel (Klaipeda), Königsberg und Berlin.
In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts übernahm der Postkutschenverkehr
in ganz Europa die regelmäßige Personenbeförderung. Die
Reisenden wurden zuverlässig zu bestimmten Ankunftszeiten, zu bestimmten
Zielorten, zu bestimmten Tarifen befördert. Dem Komissar einer Poststation
wurde im Abfahrtsort der Reisepass vorgelegt und der Platz in der Postkutsche
bestellt, so wurde der Reisende zur nächsten Station kutschiert,
die 3040 km enfernt lag, wo der Wechsel von Kutschpferden und Pferdewagen
stattfand, der Wechsel nahm ungefähr eine halbe oder eine Stunde
Zeit in Anspruch. Die Reise mit der ordinären Postkutsche wurde während
des 18. Jahrhunderts zu einer verbreiteten Reisemöglichkeit. Wer
über bessere finanzielle Lage verfügte, konnte sich Bequemlichkeiten
und schnellere Ankunft durch sog. Extrapostkutschenverkehr leisten. Das
bedeutet, dass man mit eigener Kutsche fahren oder eine Privatkutsche
mieten konnte. In jeder Poststation wurden die Pferde ausgewechselt und
so kam man schneller vorwärts. Diese Möglichkeit wurde besonders
in Nord- und Ostdeutschland benutzt, weil da die ordinären Postkutschen
im Vergleich zu den Kutschen in Süddeutschland unbequem, öfters
offen und nicht gefedert waren.
Obwohl die Postkutsche sehr verbreitet war, reiste man nach wie vor auch
mit dem gewöhnlichen Pferdefuhrwerk, besonders aus Riga nach Memel.
Der Vorzug bestand darin, dass wenn der Fuhrmann nach Tagesreise (ca 60
km) in einem bewährten Gasthaus übernachtete, konnte auch der
Reisende sich erholen und etwas zu sich nehmen. Während die Reise
mit der Postkutsche auch nachts stattfand.
Aus Reval, Narva, aber auch aus Pernau und seinem Hinterland reiste man
nach Deutschland auf dem Seewege, aus Livland, vom lättischen Gebiet,
und vom Dorpater Kreis reiste man zuerst zu Lande nach Riga und von dort
mit der Kutsche oder dem Schiff nach Deutschland. Einen besonderen Aufschwung
erlebte das Reisen bei den Est- und Livländern im 18. Jh. mit der
Eröffnung der Landstraße Petersburg-Riga, weil in den Poststationen
die Bedienung sehr gut war, besser als in Kurland und Preußen.
Die Reisezeit aus Livland in die Universitätsstadt hängte von
vielen Umständen ab. Den Weg zwischen Dorpat und Riga konnte man
in vier, mit der ordinären Postkutsche sogar in drei Tagen bewältigen,
vorausgesetzt, dass der Fuhrmann ca 60 Werst (63 km) in 24 Stunden zurücklegte.
Von Riga nach Memel erreichte man in sechs bis neun Tagen, von da über
kurländische Landzunge auf das andere Ufer benötigte man im
Idealfall 10 Stunden, darauf folgte noch eine halbtägige Kutschenfahrt
bis nach Königsberg. Es war möglich, dass die Reisenden wegen
des Sturmes eine Woche warten mussten. Die Fahrt mit der ordinären
Postkutsche über Tilsit und Insterburg war wohl sicherer, aber es
dauerte wenigstens vier Tage. Der Aufenthalt in Königsberg dauerte
mehrere Tage, um die Zollformalitäten zu erledigen und die Stadt
kennenzulernen. Die Fahrt bis Danzig nahm drei bis vier Tage in Anspruch
und auch dort hielt man sich länger auf. Die Fahrt in die nächste
Großstadt dauerte länger, ungefähr neun bis dreizehn Tage,
von dort nach Wittenberg, Halle oder Leipzig benötigte man ein paar
Tage, nach Jena vier und nach Göttingen sieben Tage. Also, unter
günstigen Reisebedingungen erreichte man Königsberg in zwei
Wochen und Göttingen in 30 Tagen von Dorpat aus. Wegen Missgeschicke
oder längerer Aufenthalte dauerte die Reise viel länger. Die
Zwangsaufenthalte enstanden vor allem dann, wenn das Fuhrwerk entzwei
ging, die Zollkontrolle länger dauerte oder man sollte einfach auf
den Fuhrmann warten.
Sowohl die Reise zu Wasser als auch zu Lande war nicht gefahrlos. Besonders
gefährlich war das Reisen während des Dreißigjährigen
Krieges, denn die Landstraßen waren voll von plündernden Fahnenflüchtigen
und Räubern, die Reisenden mussten darauf achten, dass sie die Stadt
erreichten, bevor die Stadttore geschlossen wurden. Oft passierte, dass
die Kutsche entzwei ging oder in den Graben geriet. Die Seereise mit besonders
einem kleineren Schiff und weil das Wasser in der Ostsee niedrigen Salzgehalt
hat machte die Reisenden seekrank. Die größten Gefahren waren
natürlich der Sturm und die Strandung, die Schiffbrüche kamen
im 17. Jahrhundert oft vor.
Die Reisenden aus Dorpat, die Trawemünde per Schiff erreichen wollten,
benötigten zuerst drei Tage, um nach Riga zu fahren und von dort
noch einen halben Tag bis Bolderaa (Bolder~ja) oder zum Hafen Dünamünde.
Wenn man Glück hatte, hatte man gleich Anschluss, wenn nicht, dann
dauerte es Wochen oder sogar mehr. Die Strecke zwischen Dünamünde
und Travemünde kann man in 10 Tagen zurücklegen, beim schlechten
Wetter oder sogar im Sturmfall kann es einen Monat dauern. Da meistens
auf der Ostsee der Südwestwind herrschte, war die Fahrt von Riga
und Reval nach Travemünde langsamer als auf dem Rückweg.
Die Fahrt aus Travemünde nach Hamburg dauerte ein paar Tage, für
die Stadtbesichtigung benötigte man ebenso viel Zeit. Jena oder Amsterdam
errechte man mit der ordinären Postkutsche in ungefähr acht
Tagen. So erreichte man die Universitätsstadt im Glücksfall
in 24 Tagen, wenn man Pech hatte, brauchte man dazu viel mehr Zeit. Es
gab also keinen Unterschied, ob die Reise zu Wasser oder zu Lande unternommen
wurde, der Reisende aus Dorpat erreichte die Universität in Deutschland
in einem Monat.
Der beachtliche Unterschied besteht aber in den Reisekosten. Die Fahrt
mit der Postkutsche von Dorpat nach Riga betrug 200 Meilen, von dort in
die Universitätsstadt, vorausgesetzt, dass in den 1790er Jahren auf
eine Meile samt Trinkgeld ungefähr 6 Groschen kamen, insgesamt kostete
die ganze Reise 50 Reichstaler. Hinzu kamen Unterkunfts- und Verpflegungskosten.
Wenn der Reiseweg zu Lande 30 Tage dauerte, machten die Kosten für
die Verpflegung 13 Reichstaler aus, für die 10-Tage-Unterkunft in
Königsberg, Danzig und Berlin musste man 4 Reichstaler ausgeben.
Ohne außerordentliche Ausgaben benötigte man für die Reise
zu Lande ungefähr 70 Reichstaler. Wenn der Studierende die Seereise
aus Dorpat nach Deutschland machte, betrugen die Kosten weniger als 40
Reichstaler, die Fahrt von Dorpat nach Riga kostete 5, von Riga nach Travemünde
mit einer einwöchigen Verpflegung 8, von Travemünde nach Lübeck
und Hamburg 4, die Unterkunft kostete 5 und für die Verpflegung bis
Jena musste man 16 Reichstaler ausgeben. Diese Kosten sind optimistisch
berechnet, ohne unerwartete Hindernisse, Verzögerungen oder z. B.
das stürmische Wetter. Die Höhe der Kosten hängte vom Wohlstand
eines Studenten ab, oft musste er auch die Reisekosten des begleitenden
Mentors oder des Dieners bezahlen und oft wurde die bequemere aber auch
teurere Postkutsche benutzt. Es gab auch billigere Möglichkeit, nach
Travemünde zu reisen, nur für einige Reichstaler, wenn man ohne
Kajüte reiste und eigenes Proviant mithatte. Von Travemünde
ging es weiter zu Fuß. So konnte ein armer Jüngling nach Jena
kommen, indem er weniger als 10 Reichstaler unterwegs ausgab, nur für
die Verpflegung.
Dörfer und Einzelhöfe in der estnischen Volkstradition
Ülle Tarkiainen
Zusammenfassung
In Estland vollzog sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
ein Prozess, der einen wesentlichen Umbruch in das landwirtschaftliche
System brachte. Das war die Streulegung. Da auf dem estnischen Territorium
die meisten Bauernhöfe zu den Dörfern gehörten, war hier
vor der Streulegung die Gemengelage charakteristisch. Die Felder eines
Bauernhofes befanden sich auf dem Territorium eines Dorfes als kleine
Parzellen und Streifen weit auseinander, ihre Gesamtzahl konnte sich auf
Hunderte belaufen. Die Streulegung der Bauernhöfe, die kurz vor dem
Erwerb der Bauernhöfe stattgefunden hatte, ermöglichte die Herausbildung
des Kleinbesitzes. Nach der Streulegung entstandene Bauernhöfe waren
in Estland keine neue Erscheinung, denn neben den zum Dorf gehörenden
Bauerhöfen existierten in den Wald- und Sumpfgegenden oder am Rande
der Dörfer auch die Einzelhöfe. Die Einzelhöfe entstanden
durch Bestreuung der landwirtschaftlichen Nutzfläche und Erweiterung
der Besiedlung. Dank den Einzelhöfen besaß Estland einen Besiedlungstyp,
der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf dem Lande dominierend
wurde.
Der vorliegende Artikel versucht die Frage zu beantworten, welche Rolle
die Einzelhöfe in der Agrargesellschaft gespielt haben. Dabei geht
man nur von einem Standpunkt aus über die Volkstradition entstandene
Einstellung zu Einzelhöfen, Landzerstückelung und Streulegungsprozess.
Die benuzten Quellen stammen aus den Fonds des Estnischen Volksmuseums
und des Estnischen Literaturmuseums.
Die Zuverlässigkeit der Volkstradition ist unterschiedlich. In den
Erinnerungen an eine entfernte Vergangenheit sind Wirklichkeit und Phantasie
oft vermischt. Diese Überlieferungen sind aber darum interessant,
weil sie beweisen, was man für wichtig gehalten hat, welche Ereignisse
bemerkenswert und wesentlich gewesen sind. Ein besonders verbreitetes
Thema in den Überlieferungen ist die Gründung von Bauernhöfen
und die Besiedlung von Dörfern ebenso die damit verbundenen Legenden.
Die Erzählungen über die Besiedlung von Dörfern und Bauernhöfen,
ihren ersten Bewohnern, sind in den heutigen Tag überliefert, wenn
sie mit Kriegs- und Pestzeit, Einwanderung der Menschen oder mit einem
außergewöhnlichen Ereignis verbunden waren.
Natürlich finden in der Volkstradition die Dörfer größere
Aufmerksamkeit, denn sie waren dominierende Siedlungsstruktur. Es hat
sich erwiesen, dass in der Volkstradition die Dörfer von den Einzelhöfen
klar unterschieden werden. Die Unterscheidung besteht nicht in einer besonderen
Benennung, sondern in einer längeren Bestimmung, z. B. im Walde zestreut
oder das Dorf fehlt. In der nachfolgenden Zeit der Streulegung wurden
sie auch mit auf eigenem Grundstück bezeichnet.
In zahlreichen Beschreibungen der Lebensverhältnisse wurden die
Vorgänge überliefert, die man gut kannte. In der Volkstradition
werden besonders die Lage der Felder inbezug auf die Gebäude, die
Entfernung eines Bauernhofes vom Gutshof oder passierbare Wege hervorgehoben,
die anscheinend für wichtig gehalten wurden. Ein beachtenswertes
Kriterium für einen Einzelhof ist sein eigenes Grundstück; der
Einzelhof wird als Keim eines Dorfes bezeichnet. Die Erinnerungen an Einzelhöfe
sind deshalb oft mit eigenartigen und ungewöhnlichen Menschen verbunden,
die sich durch etwas ausgezeichnet haben. Bezüglich eines streugelegten
Dorfes wird besonders die Unzweckmäßigkeit der Arbeiten hervorgehoben,
d.h., dass der Weg von einem Grundstück zum anderen viel Zeit in
Anspruch nahm und viel Mühe kostete, es wird ebenso über die
Gleichzeitigkeit der Feldarbeiten geklagt, wegen des Schnurlandsystems
war es nicht möglich, den Boden effektiv zu bebauen. Es werden die
Schwierigkeiten geschildert, die mit der Durchführung der Streulegung
verbunden waren, die Hauptaufmerksamkeit wird der Auslagerung der Bauernhöfe
aus den Dörfern und der aus der Streulegung enstandenen Ungerechtigkeit
gewidmet. Gleichzeitig wird die Verbesserung der Bebauungsqualität
hervorgehoben, die die Bauernwirtschaft positiv beeinflusst hat. Die Gemengelage,
die der Streulegung vorangegangen ist, wird als Grund des armseligen Lebens
des Volkes genannt.
Die Überlieferungen helfen wesentlich die Auffassungen aus der Vergangenheit
im Gedächtnis aufzufrischen und ermöglichen die Einstellung
und Einschätzungen der Bauernschaft inbezug auf verschiedene Ereignisse
und Erscheinungen aufzuklären.
Wie die Dorpater Gelehrten der Universität Åbo literarische
Unterstützung leisteten
Lea Leppik
Zusammenfassung
Im Artikel wird der Beitrag der Dorpater (Tartuer) Gelehrten zur Wiederherstellung
der niedergebrannten Universitätsbibliothek in Åbo (Turku)
behandelt. In der estnischen historischen Literatur werden wenige Überlieferungen
über solche Wohltätigkeitaktionen und auch über die Außenbeziehungen
der Universität Dorpat erwähnt, die außerhalb der Richtungen
und offiziellen Organisationen stattgefunden haben.
Im 19. Jahrhundert gehörte das Buch zu einem wichtigsten Arbeitsmittel
eines Gelehrten. Im internationalen wissenschaftlichen Informationsaustausch
hatte die Druckschrift keinen anderen Konkurrenten. Deswegen war die Wiederherstellung
der Bibliothek von erstrangiger Bedeutung.
Die Städte Dorpat und Åbo waren vor allem durch die Periode
der schwedischen Macht verbunden. In beiden Städten wurden die Akademie
(in Dorpat 1632 und in Åbo 1640) und das Hofgericht (in Åbo
1623, in Dorpat 1630) gegründet. Nach dem Anschluss des finnischen
Gebietes an Russland und der Gründung des finnischen Großfürstentums
1809 waren die deutschsprachige Universität Dorpat und die schwedischsprachige
Universität Åbo diejenige, die im Unterschied zu den anderen
Universitäten des russchischen Imperiums nach dem klassischen europäischen
Universitätsmodell aufgebaut waren.
1827 gab es in Åbo 16 000 Einwohner, in Dorpat 8590. Im August
1827 brach in Åbo eine riesige Feuerbrunst aus, infolgedessen brannte
die Universität samt der ganzen 40 000bändigen Bibliothek nieder.
In den baltischen Städten begannen gleich die Hilfsaktionen, indem
man Geld und Kleidung sammelte. Danach wurden nach Åbo alle Dubletten
aus der Universitätsbibliothek Dorpat geschickt, es gab ungefähr
2000 Titel. Besonders mannigfaltig war die Aktion der Büchersammlung
unter Leitung des Rektors der Dorpater Universität Gustav Ewers.
An dieser Aktion nahmen alle Schuldirektoren aus dem Dorpater Schulkreis,
darunter die Gouvernements- und Kreisschulen in Est-, Liv- und Kurland,
ebenso bekannte Buchhändler. Dank der Büchersammlung bekam die
finnische Universität über 8000 Bücher. Außerdem
spendete die Dorpater Universität vier Kisten voll von funktionstüchtigen
Apparaten für physikalische und chemische Versuche, die in Dorpat
nicht benötigt wurden.
Solche umfangreiche Spenden haben nicht früher und nicht später
in Dorpat stattgefunden. Einerseits handelte es sich um eine internationale
Solidaritätsaktion der Gelehrten und andererseits war die Universität
Dorpat bereit, vor ihrem 25jährigen Jubiläum der Wiedereröffnung
der Universität (1827) ihren Wohlstand christlich mit anderen zu
teilen. Diese großzügige Hilfsaktion war ein letztes Beispiel
über eine grenz- und nationenüberschreitende Handlung der spätaufklärerischen
Gelehrtengesellschaft aus dem 18. Jahrhundert.
Über Probleme des Geldumlaufs in Russland und
im Baltikum in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts
Hanno Vares
Zusammenfassung
Der Anfang des XIX. Jahrhunderts war sowohl in der Innen- als auch Außenpolitik
Russlands unstabil. Diese wechselvolle Periode spiegelt sich in der Finanzpolitik
und im Zustand des Finanzwesens wider, sie schuf mit ihrer Eigenart in
den westlichen Gouvernements des Imperiums einen bunten Geldumlauf und
eine Vielfalt an Zahlungsmitteln. War die entstandene Situation in den
hiesigen Provinzen durch allgemeine wirtschaftliche und juristische Eigenart
dieser Region bedingt oder lag der Grund in der Unfähigkeit der Zentralverwaltung,
die Lage im Finanzwesen zu kontrollieren? War die Vielfalt an Zahlungsmitteln
in der gegebenen Periode im Maßstab des Imperiums außergewöhnlich
oder nicht? Bezieht sich die Zirkulation der zahlreichen ausländischen
Zahlungsmittel in dieser Region auf herausgebildete historische Traditionen
oder verbargen sich hinter dieser Erscheinung pragmatische Bedürfnisse?
Der vorliegende Artikel ist nicht imstande, alle diesen Fragen endgültig
zu beantworten, er gibt uns einen kurzen Überblick über die
im Titel angesprochenen Probleme.
In der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts befand sich das russische
Geldsystem unter Reformalarm. In dieser Periode wurden drei Währungsreformen
durchgeführt, die die ungelösten Probleme aus dem vorigen Jahrhundert
zu bewältigen versuchten. Die 1768 in Umlauf gesetzten Papierscheine,
sog. Assignatrubel, wurden zur Finanzquelle der Kriege, die seit 1786
zahlreich geführt wurden. Am Ende des ersten Jahrzehntes des XIX.
Jahrhunderts bewahrte dieses Geld nur 1/5 seines einstweiligen Wertes.
Die Inflation der Assignatrubel verursachte die Unübereinstimmung
der wertvollen Silbermünze mit dem Papiergeld, infolgedessen wurde
die Münze außer Umlauf gesetzt. Dasselbe Schicksal hatte die
Kupfermünze, die die Funktion des Papiergeldes ausübte, so entstand
ein großer Mangel an Umlaufmitteln. Es wurden einige Maßnahmen
getroffen, um die Situation im Finanzwesen zu reformieren. 1810 die sog.
Mihhail Speranski Währungsreform versuchte in Russland ein auf dem
wertvollen Silberrubel beruhende Geldsystem einzuführen und den Assignatrubel
nicht mehr zu kriegerischen Zwecken auszunutzen, das Vorhaben scheiterte
aber an der wirtschaftlichen und politischen Lage. Die Währungsreform
1812 setzte als staatliche Basisvaluta den Assignatrubel fest und führte
seine Priorität dem Silberrubel gegenüber ein. Die Verbilligung
des Papiergeldes stoppte, seinen Wert zu vergrößern gelang
es aber nicht.
Die Assignatrubel, die seit Ende des XVIII. Jahrhunderts in Russland
als einzige Zahlungsmittel galten und die eine führende Stellung
im allgemeinen Geldumlauf hatten, spielten in den westlichen Gouvernements
keine große Rolle. Bis zur Währungsreform 1812 wurde vom Staat
keine Pflicht eingeführt, sie entgegenzunehmen und angeblich konnten
sie sich als Teil hiesiger Zahlungsmittel nicht bewähren. Der Zentralverwaltung
gelang es nicht, den in Russland üblichen Geldumlauf in hiesigem
Gebiet einzuführen. Während des XVIII. Jahrhunderts waren parallel
mit dem russischen Geld auch ausländische Zahlungsmittel im ganzen
Baltikum im Umlauf. Im alltäglichen Umlauf wurden in dieser Region
besonders ausländische Scheidemünzen verwendet. Obwohl dieses
Kleingeld kein offizielles Zahlungsmittel war und bei Zahlungen es vom
Staat nicht akzeptiert wurde, war das Geld im alltäglichen Umlauf
gebräuchlich und besonders als Zahlungsmittel beim Kauf bzw. Verkauf
der Waren täglichen Bedarfs sehr verbreitet. Das ausländische
Kleingeld war jedenfalls dann unersetzbar, wenn es keine einheimische
Wechselmünze im Umlauf gab, gleichzeitig wurde es aus Bequemlichkeitsgründen
für teurer gehalten als sein realer Wert war, das oft zu Schiebereien
führte. Ungeachtet ständigen Verbots war das ausländische
Kleingeld während dieser Periode in den Grenzgouvernements im ständigen
Umlauf.
Da es an Zahlungsmitteln mangelte, setzten die Privat- und Selbstverwaltungsorganisationen
mit Garantien versehene Zahlungsmittel in Umlauf, die das Vertrauen unter
der Bevölkerung genossen. Die Privat- oder Notgelder, der größeren
Städten, wie Reval (Tallinn) und Dorpat (Tartu), waren gefragte Zahlungsmittel
auch außerhalb der Stadtgrenzen. Die Entstehung der lokalen Geldscheine
war in erster Linie mit dem Mangel an Kleingeld und Zahlungsmitteln verbunden,
der auf das mangelhafte russische Geldsystem zurückzuführen
war, trotzdem waren diese Zahlungsmittel beliebt und waren bis zur Währungsreform
1839/43 im Umlauf. Dank der Währungsreform 1839/43 konnte die Unordnung
im russischen Finanzwesen für ein Jahrzehnt beseitigt werden, der
im Jahre 1853 aufgebrochene Krimkrieg machte alle Erfolge zunichte und
wertvolle Kreditscheine wurden zu denselben Zwecken benutzt, wie vor Jahrzehnten
die Assignatrubel. In den Grenzgouvernements kamen wieder lokale Zahlungsmittel
in Umlauf.
Einige Ergänzungen zum Verzeichnis der in Estland erschienenen deutsch-,
russisch- und anderssprachigen Periodica
Tiina Valgma
Zusammenfassung
Vor ein paar Jahren begann man mit dem Ordnen der Bibliotheksfonds des
Historischen Archivs. In erster Linie überprüften wir die Periodica,
die in allgemeinen Bibliotheksfonds überhaupt nicht verzeichnet worden
waren. Unter besonderem Augenmerk waren die Ausgaben, die so oder anders
mit Estland verbunden waren. Es kam heraus, dass es in der Bibliothek
viel mehr Materialien gab, als das retrospektive Verzeichnis der nationalbibliographischen
Periodica (NB) widerspiegelt. Es ergaben sich interessante Tatsachen:
Es stellte sich heraus, dass die theologische Zeitschrift Mitteilungen
und Nachrichten für die evangelische Geistlichkeit Russlands (1838-1915)
ein bis heute in NB unbeschriebenes Heft hat. Es handelt sich um ein 1906
in Dorpat (Tartu) erschienenes Januarheft, das die vorangehende Numerierung
fortsetzte und sich am Anfang des 62. Bandes befand. So ergibt sich, dass
die Ausgabe zwei 62. Bände hat, die erste stammt aus dem Jahr 1906
und die andere aus 1909. Man kann noch eine Präzisierung hinzufügen:
19041906 wurde die Zeitschrift wieder in Dorpat gedruckt, diesmal
in der Druckerei von K. Mattiesen.
Auch die Erscheinungsangaben von Walksches Annoncenblatt bedürfen
einer erklärenden Fassung. Wir haben 24 Nummern aus der ersten Hälfte
des Jahres 1876 gefunden, die als Manuskripte im Steindruck von J. Kajander
vervielfältigt worden sind. Von den neuen, in Walga gedruckten Ausgaben,
sind noch einige Nummern von Walkscher Anzeiger (1918) und Generalkomando
VI. Pamehles un noteikum (1918) ausfindig gemacht. Die letztgenannte Ausgabe
ist zweisprachig, der Text ist sowohl im Lettischen als auch im Estnischen.
In der Bibliothek des Historischen Archivs gibt es einige in NB nicht
verzeichnete Ausgaben der Polizeverwaltung Ende des vorigen Jahrhunderts
und Anfang dieses Jahrhunderts.
Die letztgenannte Ausgabe ist in NB verzeichnet, aber weil wir zu diesem
bereits vorhandenen Jahrgang noch zusätzliche Materialien gefunden
haben, werden sie an dieser Stelle diskutiert. Charakteristisch ist, dass
alle Ausgaben über einen estnischsprachigen Paralleltext verfügen.
Vermutlich gehören zu Periodica auch Veröffentlichungen der
19. LDW=Division, die 1918 in Pernau (Pärnu) gedruckt und mit dem
estnischsprachigen Paralleltext versehen sind.
Eine völlig neue Ausgabe ist S.E.L.L.-Nachrichten (die Nachrichten
der Studentenschaften Finnlands, Estlands, Lettlands und Litauens), die
in Dorpat 19351938 verlegt und gedruckt wurden.
Von russischsprachigen Periodica gelang es, außer den oben genannten
polizeilichen Ausgaben, noch 3 Nummern von der 1917 im Oktober und November
erschienenen Zvezda, die in NB nicht verzeichnet worden sind, zu
finden.
Zu erwähnen wäre das Jahrbuch des baltischen Deutschtums in
Lettland und Estland, obgleich es in Riga erschienen ist, wird das hier
behandelt, weil die NB das auf Estland bezogene Material enthält
und weil aus derselben Periode z.B. Baltische Blätter, Baltisk Revy
u.a. in NB aufgenommen sind, die ebenfalls nicht in Estland erschienen
sind. Im Jahrbuch wird eine umfangreiche Übersicht über die
Tätigkeit der Balten in Estland gegeben, getrennt wird ihre Tätigkeit
in Narva behandelt, es ist ein Verzeichnis der Periodica samt Erscheinungsort,
Redakteuren u.a. Angaben angebracht.
Bis jetzt wurde ein Überblick über die neuen Periodica gegeben,
aber wir haben auch von einigen vorhandenen Ausgaben frühere oder
spätere Nummern entdeckt. So z. B. ist in Dorpat Literarisches Monatsblatt
(19041906) schon am 1. November 1904 erschienen, damals war der
Titel Für Rigenser von Rigensern, also etwas unterschiedlicher als
das vom 21. November Für Rigenser.
Die Erscheinungsperiode von Kreisblatt des Kreises Jerwen ist länger
zu verzeichnen: es gibt auch die 24. Nummer vom 8. November 1918. Vorhanden
ist praktisch der ganze Satz von Nummern 124, die bis heute für
vermisst gehalten wurden.
Von den größeren Ergänzungen in unserer Bibliothek können
noch zwei Zeitungen Rigasche Börsenblatt und Rigasche Börsen-
und Handels-Zeitung genannt werden, anderswo in Estland sind sie anscheinend
nicht vorhanden. Zum weiteren wesentlichen Fund gehören folgende
Ausgaben: Rigasche Anzeiger, Felliner Anzeiger, Rigasche Zeitung, außerdem
haben wir noch aus dem Jahr 1919 die Nummern 1 und 2 von Baltischer Zeitung
I (19181919) gefunden, es war bekannt, dass sie erschienen sind,
aber sie wurden nicht gesichtet. Eine ähnliche Geschichte passierte
mit der Zeitung Pernausche Wöchentliche Nachrichten, die Nummer vom
15. Februar 1812 ist teilweise erhalten geblieben.
Die Resultate der Untersuchungsarbeit sind im Verzeichnis der Periodica
angebracht, das aus drei Teilen mit einheitlicher Numerierung besteht:
im 1. Teil sind die Ausgaben, die die NB ergänzen sollten; im 2.
Teil sind die Ausgaben, die in der NB verzeichnet sind, aber es gab früher
keinen Fund in unserer Bibliothek und im 3. Teil sind die Druckschriften,
deren Fund früher vorhanden war, bedarf aber neuer Angaben.
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