Beobachtung der klimatischen Bedingungen der Aufbewahrungsräume des Estnischen Historischen Archives 1996

Ruth Tiidor

Zusammenfassung

Ende Januar 1996 hat die Restaurierungsabteilung des Estnischen Historischen Archivs mit der regelmäßigen Fixierung der Aufbewahrungsbedingungen aller Magazine begonnen, denn das Veralten der Archivalien ist direkt mit dem Feuchtigkeits- und Temperaturregime verbunden. Sowohl von der Temperatur als auch der Feuchtigkeit hängen viele physikalisch-chemische Eigenschaften des Papiers ab.

Wenn die Temperatur steigt, werden alle chemischen und biologischen Prozesse schneller: das heißt, auf je niedriger Temperatur die Dokumente aufbewahrt werden, desto langsamer sie veralten. Die geeignetste Temperatur für die Papiermaterialien ist 16–17°C, der Unterschied im Laufe der vierundzwanzig Stunden dürfte nicht 2°C übersteigen; die optimale relative Feuchtigkeit sollte 30–40% sein, deren Unterschied im Laufe der vierundzwanzig Stunden 3% nicht übersteigen dürfte. Die Graphiken 1 und 2 geben eine Übersicht über die klimatischen Bedingungen der Aufbewahrungsstellen des Archivs. Auf den Figuren ist es merkbar, daß das Feuchtigkeits- und Temperaturregime direkt von den äußeren Umweltbedingungen oder Jahreszeiten und Wandlungen der Wetterlage abhängig sind. Für die Aufbewahrungsstellen auf allen vier Etagen ist das niedrige Feuchtigkeitsniveau während der Winter- und Frühlingsmonate und das von den jähen Wandlungen der Außentemperatur direkt abhängige Temperaturregime charakteristisch. Die Temperatur der Aufbewahrungsstellen des Archivs ist durch den Übergang zum autonomen Heizungssystem und zu den thermoregulierbaren Radiatoren vermindert und ein wenig vereinheitlicht worden.

Die Klimabedingungen der auf derselben Etage befindlichen Aufbewahrungsstellen sind sehr unterschiedlich - auf der zweiten Etage ist der Temperaturunterschied im Umfange von 4°C und auf der ersten Etage die Luftfeuchtigkeitsunterschied bis zum 22% vorgekommen.

Die genauere Analyse der Messungen hat es ermöglicht, die feuchtigsten und trockensten Aufbewahrungsstellen und die Lager mit dem instabilsten Klima festzustellen.

Weil die Lebenskräftigkeit der Mikroflora der Aufbewahrungsräume von den Aufbewahrungsbedingungen direkt abhängig ist, hat man die Analyse der Luft der Aufbewahrungsstellen des Archivs zweimal im Laufe eines Jahres durchgeführt. Der Mehrteil der Mikropilze gehörte zu den Vertretern der typischen Innen-Mikroflora der Gebäude aus der Familie Penicillium. Die Menge der Pilze in der Luft der Aufbewahrungsstellen war sehr klein und überstieg im November die Norm nur in drei Stellen. Als Hauptgrund dafür kann man die Umstellung der Archiveinheiten in diesen Aufbewahrungsstellen ansehen. Als das nötige Feuchtigkeitsprozent sich für die normale Entwicklung der Pilze mindestens auf 65 belaufen muß, im Haus aber die Feuchtigkeitsebene im Laufe des Jahres das Prozent von 50 nicht wesentlich überstiegen hat, gibt es auch keine reale Gefahr der Pilzschädigung.

Aufgrund der vorliegenden Daten kann man behaupten, daß die Aufbewahrungsbedingungen im Archiv mehr von den äußeren Faktoren wie die Wetterlage, als von den inneren Faktoren wie die Lage der Aufbewahrungsstellen im Haus, ihre Ventilation und Zirkulation der Luft, beeinflußt sind.



Das Archiv der Universität in den Jahren 1918–1944

Tatjana Shor

Zusammenfassung

Der größere Teil der Materialien des Archivs der Universität Tartu – die Jahre 1918–1944 – befinden sich im Estnischen Historischen Archiv, partiell im Estnischen Staatsarchiv als Teil des Bestands vom Bildungsministerium, in der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek und im Literaturmuseum. Der Bestand des Estnischen Historischen Archivs Nr. 2100 beinhaltet 31383 Erhaltungseinheiten, wovon den Mehrteil die persönlichen Akten der Studenten und Universitätslehrer bilden, die Daten über ihren Bildungs- und Dienstweg enthalten. Über die Studenten dieser Periode gibt es biographische und statistische Daten im umfangreichen Nachschlagewerk „Album Academicum Universitatis Tartuensis 1918–1944“. Die Struktur der Universität und die Benutzungsmöglichkeiten des Archivs kann man nur dann verstehen, wenn man mindestens drei Fragen beantworten kann: wie das Archiv geschaffen wurde, welche Materialien erhalten sind und wie die nötigen Daten zu finden sind.

Am 20. Sept. 1919 wurden die ersten Studenten an der estnischen Universität immatrikuliert, am 1. Dezember 1919 wurde die Universitas Tartuensis offiziell als die geistige Basis der estnischen nationalen Bildung und Kultur geöffnet. Im Januar 1920 gab die estnische verfassunggebende Versammlung der Universität eine Vorlage der temporären Verfassung. Endgültig wurde die Struktur der Universität von der Staatsversammlung mit dem Gesetz vom 18. Juli 1925 festgelegt. Dasselbe Gesetz legte auch die Rechte und die Ordnung der zukünftigen Sachführung und der Bildung des Archivs fest. Die Tätigkeit der Universitätsverwaltung stützte sich auf die vom Universitätsrat bestätigte Hausordnung.

Das Verwaltungssystem der Universität bildete eine Struktur mit fünf Ebenen und die Schaffung des Archivs geschah in jeder Struktureinheit. Für die Sachführung der Universität trug der Sekretär des Rektors die Verantwortung, der die unter der Aufsicht des Rektors stehende Kanzlei leitete. In dieser Einheit bildete sich das Hauptarchiv der Universität aus. Die ganze komplizierte Haushaltung der Universität (mehr als 600 Menschen, über 70 verschiedene Anstalten, zwei Güter, ein großes Forstrevier usw.) wurde zuerst von der Wirtschaftskommission, später von den Wirtschafts- und Rechnungsabteilungen geleitet. Am meisten sind die Dokumente der juristischen, philosophischen, mathematik-naturwissenschaftlichen und landwirtschaftlichen Fakultäten erhalten. Im Sommer 1941 sind die Archive der theologischen und medizinischen Fakultäten im Brand zugrunde gegangen.

Eine besondere Ebene bildeten die zur Universität zugehörigen Anstalten. Im Archiv gibt es Daten über 56 zu verschiedenen Zeiten tätig gewesene Instituten, 35 Kabinette, 17 Kliniken, 24 Laboratorien, 9 Museen.

Im Jahre 1938 wurde angefangen, das alte Archiv der Universität dem Estnischen Zentralarchiv überzugeben. Die Sowjetmacht (1940–1941) und die darauf gefolgte deutsche Okkupation hat das Hauptarchiv der Universität in den Kellern des Hauptgebäudes überlebt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erreichten die übriggebliebenen Dokumente der Universität das Estnische Historische Archiv. Im Moment gibt es im Bestand des Universitätsarchivs 23 Verzeichnisse, die das Orientieren über die Archivalien der Universität Tartu von 1918–1944 ermöglichen.



Erläuterungen zum Lebenslauf des Lehrers von Roicks
Paul Lempelius

Kalev Jaago

Zusammenfassung

Der vorliegende Artikel hat es zum Ziel, die Forschungslage über die Hauptfigur des historischen Romans von Aino Kallas „Lehrer von Reigi“ – Paul Lempelius – zu ergänzen. Die Feststellung der historischen Wahrheit war nicht ihr Ziel. Als Inspirationsquelle hat sie nur ein Protokol des Revalschen Burggerichts vom 19. Januar 1649 und die im Jahre 1849 erschienene Untersuchung von H. R. Paucker „Ehstlands Geistlichkeit“ benutzt. Den Wahrheitsgehalt des Lebenslaufs von Paul Lempelius und der im Roman dargestellten Ereignisse hat Maks Roosma untersucht. In einem Visitationsprotokol der Gemeinde Roicks hat er interessante Daten über die Beziehungen zwischen Paul Lempelius und seiner Frau Catharina Wyck und ihrer beiden zum Diakon Jonas Kempe gefunden. Maks Roosma ist zur Folgerung gekommen, daß die Wirklichkeit sich nicht wesentlich von den im Roman beschriebenen Ereignissen unterschied. Im vorligenden Artikel versucht man, diesen Standpunkt zu korrigieren. Dabei sind die Protokolle vom Wiekschen Manngericht und des Hapsalschen Magistrats, aber auch die Materialien des Kosistoriums der Estnischen Evangelischen Lutherischen Kirche, die den bisherigen Forschern der Werke von Aino Kallas nicht bekannt waren, benutzt geworden. Von den genannten Quellen stellt es sich heraus, daß Lempelius in Finland im Kirchspiel Lempaala als Sohn des Predigers geboren war und in Abo und Reval studiert hatte. Von 1622–1624 war er Lehrer und von 1624–1625 Rektor zur Revaler Domschule. 1625 wurde er aus unbekannten Gründen herabgesetzt, und war danach zwei Jahre berufslos. 1627 wurde er Pastor zu Roicks. Vorausgesetzt zu dieser Zeit heiratete er Catharina Wyck, die wahrscheinlich Tochter des Hapsaler Kaufmanns Hans Wyck war. In Hapsal hatte Paul Lempelius ein Haus, das er wahrscheinlich als Mitgift bekommen hatte. Paul Lempelius und Catharina Wyck hatten mindestens drei Söhne und eine Tochter. Von der letzten hoffte Paul Lempelius, daß sie mit Jonas Kempe Ehe schließen wird. Die ältesten Jungen wurden 1642 zur Universität von Abo geschickt. Der ältere Sohn Paul war 1651 schon volljährig. Der jüngere Sohn Thomas war zwischen den 15. März und 23. Mai 1644 geboren und war später Schneider auf Dagö. 1647 gebar Catharina Wyck noch ein Kind, aber sein Vater war nach Behauptung von Paul Lempelius Jonas Kempe, der am 15. Juni 1644 zum Adjunktprediger von Roicks ordiniert geworden war. 1647 floh Jonas Kempe zusammen mit der Ehegattin von Paul Lempelius nach Finland. Am 19. Januar 1649 wurden sie im Burggericht Revals zum Tode verurteilt. Der Beschluß wurde am 6. Februar desselben Jahres ins Leben gebracht. Paul Lempelius selbst starb am 29. September 1665 in Roicks.

Es ist zu konstatieren, daß es wahrhaft komplizierte Verhältnisse sein mußten, die die Pastorenfrau und Kindermutter im 17. Jahrhundert zum Ehebruch und zur Flucht vom Hause gebracht hatten. Aino Kallas mit ihrer meisterhaften Feder hat einen Roman über die vernichtende Liebe geschrieben. Das Leben hat aber einen finsteren Kapitel in der estnischen Geschichte geschaffen.



Über die Größe der Einwohnerschaft von Narva zu der Mitte des 17. Jahrhunderts

Enn Küng

Zusammenfassung

Die Existenz und Entwicklung einer Stadt basiert direkt auf ihrer Einwohner- und Bürgerschaft. Jegliche Wandlungen im sozialen, wirtschaftlichen, juristischen und politischen Leben widerspiegeln sich in der Bevölkerung der Stadt. Zugleich haben nicht nur Kriege, Hungerzeiten und Pestepidemien, sondern auch verschiedene wirtschaftspolitische Entschlüße und die daraus resultierenden Wirtschaftstendenzen auf die Größe und Struktur der Einwohnerschaft gewirkt.

Im vorliegenden Artikel wird die Größe der Narvaer Einwohnerschaft vor dem russisch-schwedischen Krieg (1656–1658) behandelt. Bisher hat man sich, was die Gesamtgröße der Narvaer Einwohnerschaft betrifft, nur auf Beurteilungen beschränkt. A. Süvalep hat eingeschätzt, daß es vor dem Livländischen Krieg (1530) in Narva 500–800 Bewohner gab (30 deutsche und 120 undeutsche Familien). Die Zahl der Bewohner in der darauf folgenden russischen Periode – 5000–7000 Personen – ist mit großer Wahrscheinlichkeit von den Historikern (A. Vassar) überschätzt geworden. Über das Ende der schwedischen Zeit hat man in vielen historischen Arbeiten ca 3000 Menschen als die Zahl der Stadteinwohnerschaft angegeben. Nur O. Kotschenowskij hat die Gesamtzahl der Narvaer Einwohnerschaft (dabei ohne Garnison) für ca 5000 Menschen eingeschäzt.

Bei der Behandlung der Größe der Einwohnerschaft in Narva muß man viele beeinflussende Faktoren in Rechnung tragen. Die Herrschaftsperiode von Schweden begann (1581) und endete (1704) mit der Eroberung der Stadt, wobei vor allem die Einwohnerschaft leiden mußte. Zwischen zwei Eroberungen blieben russisch-schwedische Kriege: 1590–1595, 1610–1617, 1656–1658 (zudem noch die Verwirrungszeit bis zu dem Frieden von Kardis in 1661) und seit 1700 der Nordische Krieg; Pest- und Hungerzeiten: 1601–1603, 1656, 1657, 1669/70 und 1695–97; Brände: 1610, 1652, 1657 und 1659 und natürlich bis zu den 1640er Jahren ungünstige Wirtschafts- und Handelsverhältnisse, die alle einen negativen Einfluß auf die Gestaltung und Entwicklung der Narvaschen Einwohnerschaft ausgeübt haben. Wenn die ersten Jahren der Stadt im Bestand einer Großmacht als die Verwirrungsjahre charakterisiert werden können, so hat dasselbe sich auch nach dem Ausbruch des Nordischen Krieges (1700) wiederholt. Einerseits war die Wirtschaftstätigkeit von Narva gehindert, weshalb auch viele alte Bewohner die Stadt verlassen haben, andererseits haben alle Kriege eine Flüchtlingswelle vom Land in die Stadt mitgebracht. Auch die Tatsache muß man berücksichtigen, daß Narva nicht nur ein Handels-, Verwaltungs- und Glaubenszentrum von Ingermanland, sondern auch ein Militärzentrum des ganzen schwedischen Staats war. Es gab ja in den beiden Festungen der Stadt große Garnisonen, auch hat man während des Jahrhunderts mehrmals umfangreiche Befestigungsarbeiten unternommen – was alles die Einwohnerschaft direkt beeinflußte.

Erst durch die wirtschafts- und handelspolitische Reformen (die Eröffnung der Stadt dem Außenhandel, die Vereinheitlichung der Handelsbedingungen mit der Nachbarstadt Reval, die Senkung der Seezollen, die Abschaffung der Stadtrechte von Iwangorod und die Vereinigung von Iwangorod und Narva usw.) hat der schwedische Staat für Narva günstige Entwicklungsbedingungen geschaffen, die ungeachtet der oben erwähnten Rückschläge einen stetigen Zuwachs der Bevölkerung bis zum Ende der behandelten Periode gewährleistet haben.

Wie könnte man aber die Größe der Narvaschen Bevölkerung zu der Mitte des 17. Jahrhunderts ermessen? Die Beantwortung dieser Frage setzt voraus, daß man alle aus der Periode der schwedischen Macht bekannten Steuer-, Wehrdienst- und Spendelisten der Bewohner durchsieht, wo es massenweise Daten über die Familienhäupter und Leiter der Haushalte (resp. die Zahl der Haushalte) sowohl innerhalb als auch außerhalb des Stadtmauers gibt. Solche Listen haben wir über das Ende des 16. und die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts. Besonders vor dem russisch-schwedischen Krieg war man benötigt, die Stadtbewohner sowohl für die Befestigungsarbeiten als auch für den Wachdienst zu mobilisieren. Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts ist mit erhaltenen Bewohnerlisten relativ wenig gedeckt. Hilfreich sind auch verschiedene Bürgerlisten. Die vorliegenden Daten muß man zusammen mit den auf den Stadtplänen aufgezeichneten Grundbesitzen benutzen. Leider steht uns nur ein Kirchenbuch von der deutschen Gemeinde mit lückenhaften Eintragungen, das seit dem Jahr 1644 geführt geworden ist, zur Verfügung. Als es an komplexen Basismaterialien über die Einwohnerschaft von Narva in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und im 17. Jahrhundert fehlt, können wir die Größe der Einwohnerschaft auch aufgrund verschiedenen Quellen immer noch nur vermuten.

Im Artikel hat man zuerst die Zahl der in Narva befindlichen Haushalte zu der Mitte des 17. Jahrhunderts festgestellt. Wenn man den 155 Vertretern der deutschsprachigen Gemeinde der Stadtmitte 82 Undeutschen (Esten und Finnen), 62 Vertreter der anderen Nationen und 380 Russen der Vorstädte hinzufügt, könnten wir minimal mit 639 Haushalten zu der Mitte des 17. Jahrhunderts rechnen. Der Anteil der Russen daran wäre 59,5%. Wenn wir die mittlere Größe eines Haushalts zu 5 Leute rechnen, können wir die Größe der Narvaschen Einwohnerschaft vor dem russisch-schwedischen Krieg als minimal 3195 Personen bestimmen. Wenn wir ihnen noch ca 100 Steuer- und Wachpflichtfreien Menschen (Schulmeister und Geistlichen, die in der Stadt wohnenden Adligen und Schloßdiener, aber auch die Pfleglinge der Armenhäuser) hinzufügen, steigt die Gesamtzahl der Narvaschen Bevölkerung bis auf 3300 Menschen.

Zusammenfassend können wir zugestehen, daß die Einschätzung der früheren Forscher – ca 3000 Bewohner in Narva im 17. Jahrhundert - grundsätzlich korrekt ist. Zugleich muß man aber berücksichtigen, daß unser Resultat – minimal 3300 Menschen – nur die Lage der Mitte des 17. Jahrhunderts widerspiegelt. Bald begonnener russisch-schwedischer Krieg, die Flucht der wohlhabenderen Stadtbewohner, aber auch der Russen (im Falle von letzten auch partielle Deportation nach Schweden), die Gefahr der Pest und ein Großbrand und vor allem die Ruinierung der Wirtschaftstätigkeit haben die Zahl der Stadtbewohner bestimmt erheblich vermindert. In der folgenden Periode, vom Frieden von Kardis (1661) bis zum Nordischen Krieg, hat aber das Aufblühen des Handels einen Zufluß der neuen Menschen in die Stadt veranlaßt. Wahrscheinlich hat sich auch der Anteil der Russen dadurch beachtlich vermindert. Wie groß die Narvasche Bevölkerung vor dem Nordischen Krieg war und welchen nationalen Bestand sie hatte, ist aber schon ein Thema eines anderen Artikels.



Über die Ordnung der Rekrutenpflicht in Estland (1796–1874)

Tõnu Tannberg

Zusammenfassung

Die in Rußland in der Zeit Peters I. (1795) eingeführte Rekrutenpflicht wurde im Jahre 1796 auf die baltischen Gouvernements übertragen.

Auf der gesamtstaatlichen Ebene wurde die Rekrutenpflicht durch die Rekrutengesetze (1766, 1831), Ukase des Kaisers und Senats, Vorschriften des Innenministers und die anderen legislativen Akten der Institutionen der Zentralverwaltung reguliert. Auf der Ebene der Gouvernements basierte die Rekrutenpflicht auf die in den lokalen Gesetzen (Bauernverordnungen, das Rekrutengesetz der baltischen Gouvernements von 1861) und legislativen Vorschriften der Gouvernementsregierungen (Patenten, Publikaten) fixierten Prinzipien.

Die Rekruten wurden zuerst ohne festgelegte Regel an einem bestimmten Tag – dem Fangestag – genommen, später hat man die Sache durch Los entschieden. Für die Bauern wurde das Gebrauch des Losentscheides in Estland im Jahre 1816 und in Livland im Jahre 1829 eingeführt. In den Städten ist man zu Beginn der 1850er Jahre zum Losentscheid übergegangen. Die Ordnung des Losentscheides wurde mit dem Rekrutengesetz der baltischen Gouvernements von 1861 vereinheitlicht.

Die Rekrutenpflicht trug die steuerpflichtige Bevölkerung – die Rekrutenpflichtigen, die diese staatliche Last entweder persönlich (in Natur) oder durch Geld getragen haben. Mehr als 95% der Rekrutenpflichtigen haben die Rekrutenpflicht persönlich erfüllt. Zuerst wurde ein Rekrut pro 500, seit 1831 pro 1000 Männer genommen. Die zum Rekrut genommenen Männer mußten bestimmten Normalforderungen (die Größe, das Alter, der Gesundheitszustand) entsprechen. Die Annahme der Rekruten geschah in den Annahmekommissionen der Gouvernements und Landkreise.

In den Jahren 1797–1874 wurden in Estland und Livland im Laufe der 52 Jahre auf insgesamt 60 Rekrutenwerbungen Rekruten genommen. Zusätzlich zu den ordentlichen Werbungen konnte man auch freiwillig, als Stellvertreter, zum Entgelt eines Schuldes, durch den Sold oder auch durch die Landwehrdienst (Milizdienst) zum Rekrut werden. Von der Rekrutenpflicht konnte man dann befreit werden, wenn man körperlich behindert war oder sich zum ganzen Leben frei kaufte (für 300–1500 Silberrubel). Man konnte sich auch eine Rekrutenquittung kaufen, die aber von der Pflicht nur für ein Jahr befreite. Bei der Erfüllung der Rekrutenpflicht konnte man auch Ausnahmen machen (was ganz oft geschah), wobei man wirtschaftliche, Bildungs- oder Familienangelegenheiten usw. als Gründe akzeptiert werden konnten. Von dem Rekrutendienst waren Bauernwirte (resp. ihre ältere Söhne), Hofbedienstete, die der Gemeinde nötigen Angestellten, Schulmeister, Vormünder der Kirche und viele andere Amtsmänner befreit. Die Befreiung der Amtsmänner galt nur während der Amtszeit.

Die Rekrutenpflicht stellte sich als eine schwere Last für die steuerpflichtige Bevölkerung dar, die weitgehende demographische, wirtschaftliche und soziale Folgen hatte. In der Epoche der Rekrutenpflicht wurde in Estland ca 95 000 Männer zum Rekrut genommen, wovon nur wenige nach Vaterland zurückkehrten – nicht mehr als 20% von der Gesamtzahl der in den Dienst genommenen Männer. In den Jahren 1797–1874 wurde in Estland auf 60 Werbungen durchschnittlich 1580 Rekruten pro eine Werbung genommen. In den Kriegsjahren stieg diese Zahl aber erheblich. Beachtlich mehr als durchschnittlich wurden in den Jahren 1806–1807, 1812, 1828, 1831, 1849, 1854–1855, 1863 Männer zum Rekrut (darunter auch durch den Milizdienst) genommen. Die Ausstattung der Rekruten mit der Kleidung, dem Proviant und Geld fiel der steuerpflichtigen Bevölkerung zur Last. Auch diese wirtschaftlichen Ausgaben waren nicht gering. Die Rekrutenpflicht brachte wichtige soziale Wandlungen im estnischen Dorf mit, wo völlig neue soziale Gruppen entstanden – entlassene Soldaten, die Frauen und Kinder (Kantonisten) der Soldaten.



Über die Geschichte der Stadt Narva und ihrer Stadtverwaltung 1870–1917

Tiiu Oja

Zusammenfassung

Aufgrund des Stadtgesetzes vom 16. Juni 1870 wurden in Rußland Selbstverwaltungen der Städte gebildet, die aus einem Stadtrat und einer Stadtregierung bestanden. Ihr Zweck war, das administrative und wirtschaftliche Leben auf dem Territorium der Stadt zu verwalten. Die Selbstverwaltung der Stadt sorgte auch für die allgemeine Ordnung, die Schulen, die Medizinanstalten, die Wohltätigkeit, den Handel, die finanziellen Angelegenheiten usw. Der Stadtrat als legislatives Organ wurde von Steuerzahlern für 4 Jahre gewählt. Der Stadtrat wählte seinerseits das exekutive Organ – die Stadtregierung, die aus dem Bürgermeister und anderen Mitgliedern bestand. Der Bürgermeister leitete die Tätigkeit des Stadtrats und der Stadtregierung. Die Dokumentation der Stadtregierung wurde von der Kanzlei geführt. Nötigenfalls wurden ständige und temporäre Kommissionen an der Stadtregierung eingesetzt.

Die ersten Wahlen des Narvaer Stadtrats fanden aufgrund der zum 23. Juni 1873 aufgestellten Listen statt. In den Stadtrat wurden 36 Abgeordeten gewählt. Das neue Stadtgesetz wurde in Narva mit 13. August 1873 wirksam, als die erste Sitzung des Stadtrats stattfand. Zum ersten Bürgermeister wurde der Kaufmann der Ersten Gilde, Ingenieur-Technologe Adolf Hahn gewählt, der am 18. September 1873 vom Gouverneur St. Peterburgs im Amt bestätigt wurde.

Am 1. Januar 1874 hat die Stadtregierung vom Magistrat die zur Stadt gehörenden Gebäude, Weiden und den Stadthafen übernommen. 1875 wurde die Umwertung der Immobilien der Stadt durchgeführt.

Das erste Ziel des Stadtrats war die Trennung von Narva vom Semstvo Jamburg und die Vereinigung mit dem Gouvernement Peterburg. Eine andere wichtige Frage war die Einsetzung der neuen Polizeiverwaltung der Stadt. Es war zuerst offen, ob das administrative Zentrum des Landkreises von Jamburg nach Narva umgezogen wird oder nicht. Im Falle der Umziehung wäre es nicht nötig gewesen, in Narva eine neue unabhängige Polizeiverwaltung zu bilden. Die Sache blieb bis 1906 unentschieden. Die Narvaer Gerichtsordnung war der Friedensversammlung von Wierland und Jerwen unterstellt, so daß die Stadtbewohner große Probleme mit ihren Grundstücken und Hypotheken hatten. Auf dem Verlangen der Narvaer Stadtregierung wurde 1890 das unabhängige Grundbuchamt von Narva geöffnet.

Die Einkünfte der Stadt kamen aus dem Stadtgut von Samokras und dem Dorf Samokras, Halbgut von Nöteberg und Usnowa, Staatsgut Kutterküll, wozu noch die Einkünfte aus dem Dorf Riigi, Hafen von Narva, Kurort von Hungerburg, aus der Kneipe und dem Gasthaus von Hungerburg, aus den Badepavillons, aus den Gemüsegärten und Weiden der Stadt, aus den Lagern und Buden, aus dem Schlachthof, Wasserwerk, Waagehaus, aus den Schiffhäfen, aus den erteilten Genehmigungen zum Fischfangen, Handel und der Industrieunternehmen kamen. Zu den Ausgaben der Stadt gehörten: der Unterhalt der Stadtregierung, des Grundbuchamtes, der Handelsdeputaten, des Stadt- und Landkreisarztes, eines Feldschers und einer Hebamme, des Verwalters des Hafens und der Stadtgüter, der Polizeiwache, der Abteilung der Post und des Telegraphen, der zur Stadt gehörenden Gebäude eines Schlachthauses und eines Wasserwerks; die Unterhaltung der Straßen, Plätze, Brücken, Kanalisation, des Hafens der Stadt und des Gartens ‘Pimeaed’; die Gelder der Quartiere und der Pensionen und die Bezahlung der Unterstützungen für verschiedene Studien- und Wohltätigkeitsanstalten.

Im Stadtgesetz vom 11. Juni 1892, das als Gegenreform zum Stadtgesetz von 1870 gedeutet werden kann, war die Tätigkeit der Stadtregierung gewissermaßen anders festgelegt. Die Regierungsbehörden bekamen ein größeres Revisionsrecht über die Tätigkeit des Stadtrats und der Stadtregierung. In der Periode nach neuem Stadtgesetz wurde besonders lebhaft über das Bedürfnis diskutiert, das Steueramt von Narva zu gründen. Auf den Straßen wurden Hähne für kostenlose Wassernahme eingerichtet. Man hat auch beantragt, eine Wasserleitung in der Vorstadt von Iwangorod zu errichten. An Stelle einer temporären Sanitarkommission wurde eine ständige Kommission eingesetzt.

Am 8. März 1917 wurde das Narvaer Gesellschaftliche Komitee gewählt, dem die Stadtregierung ihre Geschäftsführung übergeben mußte und am 12. März hat man an Stelle des Bürgermeisters einen Stadtkommissar ins Amt gesetzt. Am 14. September 1917 wurde A. I. Dobrowolski zum temporären Bürgermeister gewählt. Die im Jahre 1917 wieder aufgetauchte Frage der Trennung von Narva vom Landkreis Jamburg blieb ohne Lösung.

An der Stadtregierung arbeiteten ständige Kommissionen und nötigenfalls temporäre Kommissionen, die sich mit den verschiedenen wirtschaftlichen und kulturellen Problemen (darunter auch mit dem Gesundheitswesen) beschäftigten.

Die Industrieunternehmen von Narva waren: die Manufaktur von Kreenholm, die Gußeisen- und Maschinenfabriken, mehrere Sägereien, zwei Brauereien, eine Dampf-Mehlmühle, ein Schlachthaus und Elektrizitätswerk und die Flachsspinnereien und Tuchfabriken von A. Stieglitz.

Die Wirtschaft und der Transport von Narva waren eng mit dem Hafen und der Schiffahrt verbunden. 1897 wurde der Schiffweg zum Hafen vertieft. 1898 hat man beschlossen, einen neuen Hafen für die Küstenflotte zu bauen. Mit dem Kurort von Hungerburg wurde in der Sommerperiode eine Flußverbindung geöffnet. 1905 begann man mit dem Bau der elektrischen Straßenbahnlinie zwischen Narva und Hungerburg.

Das Post- und Telegraphenamt der Stadt Narva befand sich in einem Miethaus. 1906 wurde es in ein zur Stadt gehörendes Haus umgezogen. 1896 wurde die temporäre Post- und Telegraphenabteilung von Hungerburg in eine ständige Abteilung gewandelt. 1903 hat man mit dem Bau des Telefonnetzes von Narva angefangen, das mit St. Peterburg verbunden wurde.

Die Projektierung des Stadtwasserwerks wurde 1876 in Angriff genommen und es arbeitete schon vor 1881, als der Bau des Wasserwerks in den Vorstädten aktuell wurde.

1902 hat man im Stadtrat die Frage der Straßenbeleuchtung überlegt und 1904 wurde ein Projekt der Beleuchtung der Stadt durch die Elektrizität herausgearbeitet, das den Bau eines Elektrizitätswerkes vorsah. 1913 wurde endgültig beschlossen, das Elektrizitätswerk zu bauen und die Straßen und Gebäude mit der Elektrizität zu versorgen.

Die wichtigste “Frage” der Städteeinrichtungen waren der Zustand und die Renovierung der Stadtstraßen, Trottoire und Brücken, ebenso die Kanalisations-, Sanitar- und Feuerwehrangelegenheiten.

Die Sanitarkommission beschäftigte sich mit der Überwachung der Reinheit des Wassers, der Qualität der Lebensmittel und Getränke, der Tätigkeit der Industrie- und Handelsunternehmen und mußte mit allen Mitteln Epidemien in der Stadt vorbeugen. Die Amtstellen des Stadtarztes, des Veterinärarztes, der Hebamme und des Feldschers-Desinfektors waren durch die Wahl zu erüllen. 1904 wurde ein Ambulatorium mit einer Geburtsabteilung dank den vom Kaufmann Lawrentsow gespendeten Geldern geöffnet.

1895 hat der Stadtrat beschlossen, ein Arbeiterhaus in Narva zu bauen, wozu von dem Nachlaß des vorigen Bürgermeisteres Swinkin Gebrauch gemacht wurde. 1873 hat man das deutsche Armenhaus, das 1690 gegründet war und bisher unter der Vormundschaft der Johannis- und Michaeliskirche gestanden hatte, aus der Liste der gesellschaftlichen Fürsorgeanstalten gestrichen. 1904 wurde ein Martinson-Altenhaus geöffnet, das mit den Geldern des Nachlasses des Kaufmanns Martinson gebaut wurde. 1905 wurde ein Grundstück in der Vorstadt kostenlos der schwedisch-finnischen Gemeinde gegeben, damit sie da ein Armenhaus bauen könnten.

1906 gab es in Narva eine Stadtschule, drei Schulen mit drei Klassen, vier Schulen mit einer Klasse und vier Privatschulen im System des Bildungsministeriums; im System der Kirchenschulen gab es eine Schule mit zwei Klassen, zwei Schulen mit einer Klasse und eine einklassige Schule als Anstalt der Kaiserin Maria. Von den Schulen der höheren Stufe wurde 1875 das Gymnasium von Narva geöffnet, 1879 ein zweitrangiges privates Frauenprogymnasium und 1876 eine Peter I. -Klasse der Narvaer Seeschule. 1908 wurde die Schule des Vereins der Pädagogik und Gesundheitspflege in eine Kommerzschule gewandelt, die dem Handels- und Industrieministerium unterstellt war. Der Stadtrat hat alle Schulen materiell gestützt.

1874–1875 entstand auf der Initiative des damaligen Narvaer Bürgermeisters Adolf Hahn der Kurort Hungerburg in der Nähe von einem zum Bestand vom Gut Kutterküll gehörenden Fischerdorf. 1881 hat man in Hungerburg mit dem Bau des Kursaals begonnen, auch eine Apotheke, eine Wasserheilanstalt und ein Gasthaus wurden errichtet. Zudem wurde eine regelmäßige Dampfschiffverbindung mit Narva ins Leben gerufen. Schon 1887 brachte Hungerburg 10 352 Rbl als Bruttoeinkommen der Stadt ein. 1910 hat man den Vorschlag gemacht, in Hungerburg aufgrund des Stadtgesetzes eine vereinfachte Stadtregierung zu bilden.

Der nach dem Stadtgesetz von 1892 gewählte Narvaer Stadtrat und die Stadtregierung waren bis zu den neuen Wahlen des Stadtrats während der Estnischen Republik tätig.



Die Briefe der Schullehrer als Geschichtsquellen. Kirchspiel von Koddafer

Elina Kekkonen

Zusammenfassung

Briefe als Geschichtsquellen bieten interessante zusätzliche Information über die Geschichtsereignisse und ihre Hintergründe. Vor allem aber spiegelt der Brief die Mentalität seines Zeitalters.
Die Zeitgrenzen der gegebenen Arbeit waren die Jahre 1863–1890. Die Verschiedenheit der Themen, die in den Briefen behandelt wurden, weist auf die in dieser Periode geschehenen Wandlungen in der estnischen Gesellschaft – besonders im kulturellen und Bildungsleben – hin.

Geographisch hat man sich nur mit dem Kirchspiel Koddafer beschäftigt, um durch die Briefe der Schullehrer dieses Kirchspiels die Besonderheiten des geistigen Lebens des Landvolkes in Koddafer zu untersuchen.

Nach der in damaliger Presse dominierenden Meinung war Koddafer ein rückständigster Kirchspiel in Livland. Dadurch könnte man auch die geringe Zahl der aus Koddafer stammenden Briefe erklären. Die Briefe der Schullehrer sind entweder nicht erhalten oder haben wir sie einfach nicht gefunden. Zudem muß man im Auge behalten, daß den damaligen Lehrern das Gesellschaftsleben wegen der Menge der Alltagssorgen relativ fern stand. War ja die wirtschaftliche Lage des Volkschullehrers des 19. Jahrhunderts ganz schwer. Deswegen können die Briefe der Schullehrer allein kein objektives Bild über die geistige Situation in Koddafer im 19. Jahrhundert darbieten. Dieses Thema setzt eine vielseitigere Untersuchung des Kirchspiels Koddafer voraus. Zugleich haben aber einige Sachverhalte, die die untersuchten Lehrer betreffen, die Rückständigkeit von Koddafer ein wenig geklärt.

Bei der Benutzung der Briefe als Geschichtsquellen ist es sehr wichtig, die Person des Autors des jeweiligen Briefes zu thematisieren. Viele Schullehrer des Kirchspiels Koddafer waren interessante Personen, deren Charakter und Gesichtskreis sich auch in den Briefen widerspiegeln. Aus den Briefen kann man ihre Einstellungen zu ihrer Umgebung herauslesen. In diesem Zusammenhang muß man wieder die Unterschiede zwischen dem Inhalt und der Form des Endes und der Mitte des 19. Jahrhunderts betonen.

Jeder in der Arbeit benutzte Brief als Dokument spiegelte oder erstellte ein besonderes Problem. Es beweist, daß Briefe als Geschichtsquellen verschiedenartige Möglichkeiten für die Forschung der Mentalitätsgeschichte und damit zusammenhängend auch der estnischen Schul- und Kulturgeschichte eröffnen können.