Zusammenfassung:
DIE PEST WÄHREND DES NORDISCHEN KRIEGES IN ESTLAND

Tiiu Oja

Die vom Orient angefangene große Pestepidemie des ersten Zehntels des 18. Jh. hat im letzten Viertel des Jahres 1709 Ösel und 1710 Liv- und Estland erreicht, sie hat im ganzen Estländischen Territorium durchschnittlich 70% von Bevölkerung zum Opfer gefordert. Die Bewegungsrichtung der Pest verlief vom Süden nach Norden und als Begünstigung diente die vom Hunger und vom schon zehn Jahre dauerten Krieg bedingte Erschöpfung des Landes und des Volkes.

Während des Krieges haben Riga, Pernau und Reval nacheinander kapituliert, doch die Mehrheit der Stadtbewohner ist durch die böse Hand der Pest, nicht als Ergebnis der Kriegstätigkeit gefallen. Die Pest ließ auch die Krieger der beiden kämpfenden Armeen nicht unberührt, unter denen verlangte der “schwarze Tod” ebenso streng seinen Anteil als unter den Ansässigen.

In der vorliegenden Erforschung hat man die Angaben aus den frühererschienenen Artikeln von Paul Jordan, Fr. v. Buxhövden, W. Greifenhagen, J. Kõpp, V. Miller, J. Konks, aus der Chronik des Landrats Wrangell, aus dem Gesamtwerk über Ösel und aus den im Estnischen Historischen Archiv aufbewahrenden Beständen der Estländischen und Livländischen Generalgouverneure der schwedischen Zeit, des Revaler Generalgouverneurs, der Estländischen und Öselschen Ritterschaften, der Öselschen Provinzialkanzlei, Kirchen, Magistrate, Gilden und Zunfte gesammelt und verglichen.

In Pernau starben an der Pest 1151 Menschen oder 69% von der Bevölkerung und lebendig blieben 519. Aus Pernau gelang die Pest im Juni 1710 mit einem Flüchtligsschiff nach Schweden, wo sie vom August bis Dezember mehr als 11 000 Opfer verlangte. In Reval starben an der Pest 20 000 Menschen. Über die Städte Weißenstein, Wesenberg, Dorpat und Fellin konnte man die vom Kreis abgesonderten Angaben über die an der Pest Gestorbenen nicht feststellen.

In Livland starben an der Pest zusammen 42 220 Menschen, darunter in acht Pernauer Kirchspielen 15 901, in acht Fellinschen Kirchspielen 11 113, in sechs Werroschen Kirchspielen 1640 und in 16 Dorpater Kirchspielen 13 566 Menschen. Die wahrscheinliche Totenzahl in Ösel beträgt etwa 12 000-15 000, jedoch kann es ungenau sein. 1689 gab es in Ösel in Kron- und Privatgütern insgesamt 1828 13/16 Hacken bebautes Land, nach den Angaben der Revision 1713 gab es aber 333 Hacken bestelltes Land, so nur 18,2% von dem der vorigen Revision. Die Saatfläche konnte sich im Vergleich zum Jahr 1689 schon während der Hungersnöte verkleinern, es fehlen aber die genauen Angaben darüber. 1713 lebten in Ösel insgesamt 5911 Menschen. Nach der Umberechnung dieser Zahl mit dem Prozent des Ackerlandes sollten da im Jahr 1689 32 478 Menschen gelebt haben. Doch scheint diese Zahl allzu groß zu sein. Glaubhaft wäre 22 000-25 000 Bewohner.

Es fällt schwer, die Zahl der an der Pest Gestorbenen in Livland auszurechnen, weil die konkreten Vergleichsangaben über die Lebenden fehlen. Wahrscheinlich könnte es bei 73-75% sein.

In Estland starben an der Pest insgesamt 76 418 Menschen, darunter in Harrien 25 742, in Jerwen 9 364, in Wiek 27 005 und in Wierland 14 307 Personen. Das durchschnittliche ausgerechnete Prozent der Gestorbenen in Estland wäre 76%, doch kann man an der Genauigkeit dieser Zahl zweifeln, weil man sie nach dem mechanischen Addieren der Zahlen der Verstorbenen und der Lebenden nach der Inkvisition bekommen hat. Hinsichtlich des realen Zustands wird das Prozent nahebei bleiben, wenn wir die Nachforschungen über die Größe des Ackerlandes und der Bevölkerung durchführen würden, wie sie in der vorhandenen Untersuchung über Ösel gemacht wurden.

In allen Kreisen Estlands gab es Güter, in denen das Prozent der Verstorbenen besonders hoch war - über 90% und das Prozent der Lebenden gering (in Wiek in den Gütern Kirrefer, Leal, Nukkö und Pühhalep überschritt die Sterblichkeit 91%). Auf der Insel Worms starb an der Pest nur 20% von der Bevölkerung, im Roickschen Kirchspiel 30% und in den Kirchspielen St. Johannis und St. Katharinen bis 60% von den Bauern. In den übrigen Kirchspielen blieb die Sterblichkeit zwischen 61-90%.

Die Revisionen der Jahre 1712-1713 zeigen, daß es Güter, Dörfer und Bauernhöfe gab, wo alle Einwohner umgekommen sind und die Dörfer und Häuser leer blieben. Doch gab es auch Dörfer und Bauernhöfe, die von der Pest unberührt blieben. Solche unterschiedliche Situationen hatten eine große Wirkung auf die Entwicklung der Landwirtschaft und der Gestaltung der Besiedlung des 18. Jh. Das Ergebnis der Verwüstung der Pest war es, daß einige Gebiete dank der Arbeitskraft in die bessere Lage als die anderen gerieten, diese Tatsache hat die weitere wirtschaftliche Entwicklung gehindert oder begünstigt. Nach der Pest war die Zahl der arbeitsfähigen Menschen größer als die der Alten und Kinder, das zeigt, daß die Kinder und Älteren mehr an der Pest gelitten haben.

Die Pest, die während des Nordischen Krieges mehrere Opfer verlangt hat, erwies sich in der direkten Sinne des Wortes als eine Katastrophe für das estnische Volk, und derer Überwindung hat viele Jahre gedauert.