VorwortKatre Kaju, Enn Küng Pernau/Pärnu ist durch die Jahrhunderte hindurch als Hafenstadt bekannt gewesen. Ab dem Jahr 1346 war es den hansischen Kaufleuten erlaubt, außer nach Riga und Reval/Tallinn auch nach Pernau zu segeln. Die Bedeutung Pernaus im hansisch-russischen Transithandel nahm jedoch recht bald ab und bereits im 15. Jahrhundert war Pernau in erster Linie zum Ausfuhrhafen für örtliche Erzeugnisse geworden. Diese Tendenz hielt auch in der Periode der schwedischen und russischen Herrschaft an. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zählte Pernau zu den drei wichtigsten Hafenstädten Estlands, über die der gesamte Außenhandel abgewickelt wurde, doch standen sowohl Reval, Pernau wie auch Narva weitgehend im Schatten von Riga und St. Petersburg. In den 1780er Jahren wurde der Revaler Hafen von durchschnittlich 100-150 Schiffen, der Pernauer Hafen von 100 Schiffen und der Narvaer Hafen von weniger als 100 Schiffen jährlich angelaufen, während der Rigaer Hafen von 1000-1200 Schiffen und der St. Petersburger Hafen von 600-700 Schiffen jährlich angelaufen wurde. Durch die schiffbare Düna verfügte Riga hinsichtlich des Handels über ein weites Hinterland und die Entwicklung von St. Petersburg wurde von der russischen Regierung gefördert. Am Ende des 18. Jahrhunderts, zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde Pernau aber zu einem der wichtigsten Ausfahrhäfen Estlands, dessen Hinterland vor allem Südestland, aber auch Mittelestland und Nordlettland umfasste. Durch den Nordischen Krieg und die Pest hatte die Bevölkerung Pernaus und im Zusammenhang damit auch der Handel schwer gelitten und es bedurfte einiger Zeit, bis eine Erholung stattfand. Einen gewissen Aufschwung erlebte der Handel von Pernau vermutlich in den 1730er Jahren, als in der Stadt die erste Handelskompanie von internationaler Reichweite Jacob Jacke & Co. gegründet wurde (1734?). Im Jahre 1741 erfolgte die Gründung des Kaufhauses von Hans Diedrich Schmidt. Während des 18. Jahrhunderts wurde der Fernhandel Pernaus gerade über diese Kaufhäuser abgewickelt. Obwohl sich Pernau, wie auch ganz Est- und Livland, in dieser Zeit bereits unter russischer Herrschaft befand, galten im Handel nach wie vor die in der schwedischen Zeit getroffenen Regelungen: mit dem Übergang der Regierungsgewalt wurden die Lizenz- und Zollgebühren nicht geändert. Erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts begann die russische Zentralgewalt kraftvoller ins Wirtschaftsleben Pernaus einzugreifen. Das Handelsleben Pernaus wurde von den folgenden Maßnahmen der Zentralregierung beeinflusst:
Die Ordnung des Pernauer Handels war eng mit derjenigen von Riga verbunden. Davon zeugen etwa in den Pernauer Zollbüchern enthaltene Vermerke darüber, dass die zwischen Riga und Pernau beförderten inländischen Waren zollfrei sind. In beiden Städten galten jedoch eigene Zollsätze. So klagten die Kaufleute von Pernau im Jahre 1747 über sehr hohe, in erster Linie für gewisse Stoffe erhobene Lizenzabgaben, und suchten zu erreichen, dass man die Abgaben an diejenigen von Riga angleicht. Als Begründung ihres Wunsches brachten sie vor, dass man zum gleichen Gouvernement gehört, wo zum Teil dieselben Gesetze gelten (EAA 1000-1-3646, Bl. 57v.). Im Jahre 1765 wurde in St. Petersburg die Handelsordnung der Stadt Riga herausgegeben, in deren Anhang auch die Zollsätze für Export- und Importwaren aufgeführt waren. Obwohl sich die Situation im Pernauer Handel bis zu dieser Zeit im Vergleich mit der Zeit nach dem Nordischen Krieg verbessert hatte, waren die örtlichen Kaufleute jedoch nicht zufrieden. Zur Besserung der Situation sandte der Pernauer Rat im Jahre 1761 an den russischen Senat ein Schreiben, das Vorschläge zur Förderung des örtlichen Handels enthielt (EAA 1000-1-3693, Bl. 1 und Bl. 647):
Die Holzausfuhr aus Pernau konnte im Jahre 1764 wiederhergestellt werden, dies vor allem dank der Unterstützung durch den Generalgouverneur von Livland George von Browne. Browne war der Ansicht, dass Pernau eben durch den Holzhandel seine einstige Blüte wiedererlangen könnte. In Pernau wurde in erster Linie die Ausfuhr von Brettern gefördert. Der Gedanke, dass der Wasserweg Pernau-Dorpat wieder schiffbar gemacht werden sollte, war bereits in den 1630er Jahren, danach in den 1650er und 1680er, 1760er Jahren usw. aufgegriffen worden. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurde diese Frage immer wieder angeschnitten, aus verschiedenen Gründen sind dem jedoch keine Taten gefolgt. Auch die Stadt Pernau selbst war bemüht, die Handelstätigkeit in gewissem Maße zu regeln, um die Einnahmen der Stadt zu vergrößern. Um zur Füllung der hoch verschuldeten Stadtkasse beizutragen, legte der Pernauer Rat im April 1765 ein Projekt vor (EAA 1000-1-2542, Bl. 14), das folgende Punkte enthielt:
Die Beschlüsse über die Besteuerung sind auch in den Pernauer Zulage-Journalen festgehalten. Im Estnischen Historischen Archiv werden
die Zollbücher des Revaler, Narvaer und Pernauer Hafens aus dem 17.19.
Jahrhundert aufbewahrt, von denen die Pernauer Zulage-Journale jetzt auch
über das Internet erreichbar sind. Im Bestand des in der schwedischen
Zeit regierten Generalgouverneurs von Estland werden die Revaler Pfundzollbücher
aus den Jahren 16091639 aufbewahrt (EAA 1-2-764....774, 776). In
demselben Bestand befinden sich auch die Materialien über den Getreidezoll
und die Tätigkeit der Lizenzkammer aus den Jahren 16301645
(EAA 1-2-867....881). Im Archiv des Magistrats der Stadt Narva werden
die Narvaer Zollbücher aus der Periode 16401703 aufbewahrt
(EAA 1646-1-1073, 1074, 1083, 1086; EAA 1646-2-342....354). In diesem
Bestand befindet sich auch ein Revaler Zollbuch Die im Bestand des Pernauer Magistrats aufbewahrten Pernauer Zulage-Journale aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts liefern zum Teil sehr detaillierte Informationen zu der über den Pernauer Hafen erfolgten Ausfuhr und Einfuhr während einer fast 20-jährigen Periode (1764, 17661782). In Pernau wurde Stadtzoll als Zulage-Zoll bezeichnet. Die Zulage-Journale, ausgenommen dasjenige von 1764, bestehen aus zwei Teilen, aus dem sog. Haupt- und Beilage-Journal. Das Hauptjournal enthält folgende Angaben: Name des Schiffers, Herkunfts- und Zielhafen des Schiffes, Name des Wareninhabers und in vielen Fällen eine verkürzte Liste der beförderten Waren. Bei einigen Waren ist auch deren Wert angeführt, zumeist in Albertus- oder Reichstalern, während die Zollgebühr in Rubeln berechnet ist. Die Beilage-Journale, die beträchtlich umfangreicher als die Hauptjournale sind, enthalten die von den Schiffern oder Hafenangestellten erstellten Sammelberichte über die Parameter, die Mannschaft und die Fracht des Schiffes sowie detaillierte Berichte der Wareninhaber über die eingeführten bzw. über die ab dem Jahre 1777 ausgeführten Waren. Einige Beilage-Journale geben außerdem Auskunft über die auf dem Seeweg in Pernau angekommenen Menschen, insbesondere über die Handwerksgesellen. Außer den Zulage-Journalen liefern wichtige zusätzliche Informationen zum Pernauer Handel die Archive der zwei großen Kaufhäuser, des Kaufhauses Jacob Jacke & Co. und des Kaufhauses von H. D. Schmidt (EAA, Fonds 3339 und 3340). Sie enthalten Angaben über die Handelspartner der beiden Kaufhäuser vor Ort, in Westeuropa und Russland, über die eingeführten und ausgeführten Waren usw. Eine umfassende Übersicht über den Pernauer Handel liegt bisher nicht vor, die Handelsfragen sind jedoch in mehreren Abhandlungen behandelt worden. Die Pernauer Zollbücher sind durch die Zeiten hindurch insbesondere vom handelsgeschichtlichen Aspekt her interessant gewesen. Die aus dem Ende des 17. Jahrhunderts erhaltenen Zollbücher sind von Helmut Piirimäe im Aufsatz «Pärnu kaubanduse suurus ja koostis XVII saj. lõpul» [Die Größe und Zusammensetzung des Pernauer Handels am Ende des 18. Jahrhunderts], erschienen im Jahre 1968 im Sammelband Eesti ajaloo küsimusi, kd. V [Fragen der estnischen Geschichte, Bd. V], analysiert worden. Die Fragen der Pernauer Holzausfuhr am Ende des 17. Jahrhunderts werden im Aufsatz von Enn Küng «Pärnu metsakaubandusest 17. sajandi viimasel veerandil» [Über den Pernauer Holzhandel im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts] im Sammelband Pärnumaa ajalugu, artiklite kogumik. 2 [Geschichte des Landkreises Pernau, Artikelsammlung 2] (Pärnu 2000) betrachtet. Unter der Betreuung von Helmut Piirimäe sind an der Universität Tartu mehrere Diplomarbeiten über den Pernauer Handel des 18.19. Jahrhunderts abgefasst worden: Toe Nõmm, «Pärnu kaubandus Prantsuse keisririigi sõdade perioodil»[Der Pernauer Handel in der Periode der Kriege des französischen Kaiserreichs] (Tartu 1977); Olaf Multer, «Pärnu linna kaubandus XVIII sajandi 60.70. aastail» [Der Handel der Stadt Pernau in den 60er70er Jahren des XVIII. Jahrhunderts] (Tartu 1979); Ene Remmelgas, «Pärnu kaubandus XIX sajandi 20.30. aastail» [Der Pernauer Handel in den 20er-30er Jahren des XIX. Jahrhunderts] (Tartu 1980; später als Aufsatz im Sammelband Uurimusi Läänemeremaade ajaloost, kd. IV [Forschungen zur Geschichte der Ostseeländer, Bd. IV] (Tartu 1987) publiziert); Kaupo Ahuna, «Pärnu kaubandus 18. sajandi lõpul» [Der Pernauer Handel am Ende des 18. Jahrhunderts] (Tartu 1981); Tiina Kallas, "Pärnu kaubandus aastail 1770-90»[Der Pernauer Handel in den Jahren 1770-90] (Tartu 1991). Die Arbeiten von Olaf Multer und Kaupo Ahuna sind verloren gegangen, die anderen werden in der Abteilung für Geschichte der Universität Tartu aufbewahrt. Die Arbeit von K. Ahuna wurde für die Zusammenstellung des Sammelbandes Merelinn Pärnu [Seestadt Pernau] (Pärnu 1998) herangezogen. Der Handel in Pernau ist auch in mehreren Darstellungen der Pernauer Geschichte verallgemeinernd betrachtet worden: Richard Hausmann, «Studien zur Geschichte der Stadt Pernau»(Tartu 1906); Heinrich Laakmann, «Geschichte der Stadt Pernau in der Deutsch-Ordenszeit (bis 1558)» (Marburg/Lahn 1956); Rolf Diedrich Schmidt, «Pernau: Eine livländische Hafenstadt» (Essen 1986); Jüri Kivimäe, Aivar Kriiska, Inna Põltsam, Aldur Vunk, «Merelinn Pärnu»[Seestadt Pernau] (Pärnu 1998). Auch in der «Eesti majandusajalugu»[Estnische Wirtschaftsgeschichte] (Tartu 1937) ist der Pernauer Handel in gewissem Maße behandelt worden. Über die Pernauer Zulage-Journale ist im Sammelband Städtesystem und Urbanisierung im Ostseeraum in der Frühen Neuzeit (Berlin 2006) der einführende Aufsatz von Katre Kaju «Pernauer Zulage-Journale 17641782. Einige Aspekte der Schifffahrt und des Seehandels»erschienen. Bei der Erforschung der Pernauer Zulage-Journale
und der Auslegung der darin enthaltenen Informationen ist es angebracht,
auch die damaligen Handelslehrbücher und Handbücher in Betracht
zu ziehen. Von den Lehrbüchern seien die Handelslehrbücher von
Reval und Riga, der Nachbarstädte Pernaus, erwähnt: Johann Daniel
Intelmann, «Arithmetischer Wegweiser, oder nach Ehst- und Liefländischer
Handlung gründlich eingerichtetes erstes Revalsches Rechenbuch»
(Halle 1736) und J. H. Flor, «Das Rigische Rechenbuch» (Riga
1769). Von den Handbüchern seien insbesondere hervorgehoben das von
Carl Günther Ludovici verfasste «Eröffnete Akademie der
Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexicon IV»(Leipzig
176717682), aber auch «Handels-Artikel des Weltverkehrs nebst
den darauf bezüglichen technischen und Kaufmännischen Bezeichnungen»
von A. Schlessing (Wien 1883) und «Waaren-Lexikon in Zwölf
Sprachen der Hamburgischen Commerz-Deputation zugeeignet» von Philipp
Andreas Nemnich (Hamburg 1797). Auch das Wörterbuch von Wilhelm von
Gutzeit («Wörterschatz der Deutschen Sprache Livlands»,
Riga 18741898) ist mitunter ein gutes Hilfsmittel. |